OpenAI-Chef Altman gestern Abend: Dots, dots, dots. (Foto: Jeff Chiu/AP/dpa)
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
Aufbruchsstimmung und Untergangsangst liegen manchmal ziemlich dicht beieinander, wie der gestrige Blick auf die amerikanische KI-Branche zeigt. Anthropic warnt in seinem in Teilen publik gewordenen Börsenprospekt vor „existenziellen Risiken für die Menschheit“ durch seine Technologie. Und die Chefs der großen KI-Konzerne versuchten, US-Präsident Donald Trump beim Lunch von den Risiken der KI zu überzeugen (erreichten allerdings nur das Bekenntnis zu einer „Selbstverpflichtung“). Währenddessen stellte OpenAI ein neues Angebot vor.
CEO Sam Altman präsentierte einen KI-Agenten, der eigenständig Aufgaben für Nutzer übernehmen soll. Dots soll er heißen und quasi an verschiedenen Punkten des Lebens seiner Nutzerinnen und Nutzer ansetzen und Entlastung schaffen. „Es ist wie ein KI-Helfer, der einem immer den Rücken freihält“, sagte Altman. Er betonte die Sicherheitsaspekte des Werkzeugs. Altman sagte:
So können Sie Ihrem Dot so viel Verantwortung übertragen, wie Sie möchten.
Das ist natürlich ein wenig lustig, weil OpenAI gerade nahezu täglich mit den Auswirkungen seiner Modelle zu kämpfen hat, die sich deutlich mehr Freiheiten nehmen, als ihnen zugestanden wird. Erst am Montag entschuldigte sich der Konzern bei Australien, wo OpenAI-Agenten während des Trainings unerlaubt in Behördenwebsites eingedrungen waren. Zugleich hält OpenAI ein neues Modell zurück, weil es Sicherheitstests nicht bestanden hat.
Altman wirkte gestern Abend dennoch recht unbekümmert. Er freute sich, dass OpenAI mittlerweile wöchentlich 1,2 Milliarden Menschen erreiche. Dots ist seit gestern für zahlende Kunden verfügbar, in der EU allerdings vorerst nicht.
Damit freilich ändert sich auch die Wettbewerbssituation für OpenAI: Galt bisher Anthropic als härtester Rivale, weil beide Konzerne um das derzeit leistungsfähigste KI-Modell wetteifern, rückt nun auch Meta ins Visier. Denn der Zuckerberg-Konzern hat mit Muse seit knapp einem Monat ein ähnliches Angebot am Markt, das stark startete. Zwar zielt OpenAI mit Dots zunächst auf Abokunden. Mittelfristig soll aber, wie bei Meta, auch die Masse der Kunden das Angebot nutzen können. Immerhin in einer Sache ist Altman schon auf Augenhöhe mit Zuckerberg: Skandale auf Kosten der Allgemeinheit produzieren und einfach aussitzen, das können sie beide.
Bürokratie belastet die Wirtschaft: Ein Abbau würde in zwei Stufen wirken. (Illustration: KI-generiert)
Bürokratie: Weniger Jobs, mehr Wohlstand
Mit der Bürokratie ist das so eine Sache: Sie lähmt die Volkswirtschaft, beschäftigt aber auch eine ganze Reihe an Menschen. Menschen, die ihren Job verlieren, wenn Politik Bürokratie abbaut. Und tatsächlich würden innerhalb von fünf Jahren 55.000 Stellen in Deutschland wegfallen, wenn die Bürokratielast um ein Viertel sinkt. Das haben die Ökonomen Claus Michelsen, Simon Junker und Ferdinand Fichtner berechnet. Der Grund: 250 Millionen Arbeitsstunden würden frei. Schlecht ist das trotzdem nicht. Nach fünf Jahren läge die Wirtschaftsleistung um 42 Milliarden Euro höher. Und die Fachkräfte würden angesichts der vielen Neurentner ohnehin anderswo gebraucht, sagt Michelsen.
Warum das trotzdem so selten klappt, hat der Soziologe Stefan Kühl nun erforscht: Er hat sechs Wellen der Bürokratiekritik seit den 1950er-Jahren gezählt, keine habe etwas gebracht. Er fordert deswegen ein „Bürokratie-Bashing-Moratorium“, die Debatte sei längst zu hysterisch. Ich hätte einen anderen Vorschlag: Nach sechs Wellen wäre eine siebte, die tatsächlich etwas abbaut, mal eine Abwechslung.
Großbritanniens Premier Burnham: Zurück auf Los. (Foto: Getty Images)
Großbritannien: Exit vom Brexit
Mit zehn Jahren Verzug wird aus dem britischen Brexit-Schlachtruf „Take back control“ ein zaghaftes „Give back control“: Der neue britische Premier Andy Burnham ließ gestern während einer Grundsatzrede jedenfalls keinen Zweifel, was er vom EU-Austritt seines Landes hält. Der Brexit habe dem Land „nicht mehr, sondern weniger Kontrolle“ gebracht. Beim kommenden EU-Gipfel im November will der Labour-Politiker „verschiedene Optionen“ für engere Beziehungen vorlegen – bis hin zu einem Wiedereintritt.
Rückenwind kommt von den Wählern: Laut jüngsten Umfragen will etwas mehr als die Hälfte wieder Mitglied werden. Gegenwind kommt aus Brüssel. Mit dem „Made in Europe“-Gesetz droht die Kommission, britische Autobauer von Beihilfen und öffentlichen Aufträgen auszuschließen. Das ist vermutlich die größte Gefahr für die Briten auf ihrem Rückweg nach Europa: In der Disziplin „Sich selbst im Weg stehen“ ist Brüssel noch besser als London.
Händler an der Wall Street: Für die Renditen am Anleihemarkt scheint es derzeit nur nach oben zu gehen. (Foto: AFP)
Anleihen: 30-Jährige auf höchstem Stand seit 2002
Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist am Dienstag zeitweise auf 5,61 Prozent gestiegen – so hoch wie seit 2002 nicht mehr. Inflationssorgen und Zweifel, dass die USA und weitere westliche Staaten sich haushaltspolitisch übernommen haben, sorgen seit Wochen für einen Ausverkauf an den Anleihemärkten – und damit für steigende Zinsen.
Ist das nun eine Krise, die sich zuspitzt, oder ein Normalzustand, bei dem Kapital einfach wieder einen Preis hat? Beides, argumentiert unser Chefautor Jens Münchrath in seiner Analyse zum Bondbeben:
Man könnte das als endgültige Rückkehr zur historischen Normalität nach einer Nullzinsphase infolge der Finanzkrise interpretieren, wäre da nicht der erhebliche Vertrauensverlust in die staatlichen Institutionen – allen voran der größten Volkswirtschaft der Welt.
Stellt man sich die Vorstände der Chemiekonzerne BASF und Evonik als Moleküle vor, dann wäre das BASF-Gremium wohl ein reaktives, das gerne eine Verbindung mit einem weiteren Molekül eingehen würde, und das Evonik-Gremium eher der reaktionsträge Typ, der auch ohne weitere Verbindung klarkommt. Jedenfalls stellt sich der Essener Konzern stur beim Blick auf das Übernahmeangebot des größeren Konkurrenten. Liegt es daran, dass sie partout nicht wollen? Dass die beim Evonik-Großaktionär RAG-Stiftung reichlich vertretenen Politiker und Gewerkschafter Jobverluste fürchten? Der Preis zu niedrig ist? Oder Evonik die Avance zu einem ungünstigen Zeitpunkt trifft, an dem Vorstandschef Christian Kullmann krankheitsbedingt
länger ausfällt?
Vermutlich spielt eine Mischung aus allen Motiven eine Rolle. BASF-Chef Markus Kamieth, hat mein Kollege Bert Fröndhoff recherchiert, schockt das alles nicht – er habe einen langen Atem für seinen Plan. Die schlechtesten Voraussetzungen sind das nicht: Wie die beteiligten Chemiker sicher wissen, braucht es nur genug Energie, um aus einem trägen wieder ein bindungsfreudiges Molekül zu machen.
Commerzbank: Bund macht Druck auf Orcel, also ein bisschen
Unicredit-Chef Andrea Orcel erhöht in der Übernahme der Commerzbank den Druck. Nach der Freigabe durch die Bankenaufsicht will er auf einer außerordentlichen Hauptversammlung, womöglich schon im Januar, die Kapitalseite des Aufsichtsrats um Jens Weidmann austauschen – und danach Vorstandschefin Bettina Orlopp. Die Bundesregierung pochte gestern zwar auf Zusagen zu Börsennotierung, Sitz in Frankfurt und Rechten der Beschäftigten:
Wir erwarten jetzt, dass der CEO der Unicredit diese Zusagen zeitnah gibt.
Doch Berlin hat kaum noch einen Hebel. So ist das eben, wenn man erst bockig in der Ecke steht und dann noch etwas herausschlagen will, wenn das Spiel längst verloren ist.
Bücher: Der Deutsche Wirtschaftsbuchpreis wird am Donnerstag, 8. Oktober 2026, in Frankfurt zum 20. Mal vergeben. (Foto: Getty [M] Handelsblatt)
Wirtschaftsbücher: Wählen Sie Ihren Liebling
Zum Schluss schauen wir nach Frankfurt, wo Handelsblatt und Buchmesse mit ihren Partnern am 8. Oktober den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis verleihen. Neben dem Lieblingsbuch der Jury gibt es auch einen Leserliebling – und über den stimmen Sie ab, noch bis zum 2. Oktober: Hier geht’s zur Wahl.
Ich wünsche Ihnen einen Mittwoch, der nur die schönsten Seiten des Lebens für Sie bereit hält.
Herzliche Grüße
Ihr Sven Prange Lead Editor Handelsblatt
PS: Japan ist der größte Kreditgeber der Welt. Weil die Zinsen dort steigen, befürchtet US-Finanzminister Scott Bessent, dass japanische Anleger ihr Kapital heimholen – und den USA Investitionsmittel fehlen. Nomura-Portfoliomanager Sönke Siemßen warnt im Podcast Handelsblatt Invest: „Die USA sind auf Geld aus Japan angewiesen.“ Außerdem erklärt er, wie japanische Aktien das Portfolio sicherer machen.
Hören Sie hier rein.
Weitere Schlagzeilen
Wirtschaftsministerin Reiche ordnet Gaseinspeicherung an: Katherina Reiche weist nach Handelsblatt-Informationen das Staatsunternehmen Sefe an, vermehrt Erdgas einzuspeichern – und reagiert damit auf die niedrigen Füllstände in den Speichern. Jetzt Artikel lesen...
Boeing erhält Milliardenauftrag für neuen Tarnkappen-Kampfjet: Das Programm könnte über die gesamte Laufzeit ein Volumen von mehreren hundert Milliarden Dollar erreichen. Die USA wollen der schnellen Modernisierung der chinesischen Luftwaffe begegnen. Jetzt Artikel lesen...
In Marokko übernimmt erstmals eine Frau die Regierungsspitze: Fatima Ezzahra el-Mansouri wird neue Regierungschefin des nordafrikanischen Staates. Die 50-Jährige muss noch eine Koalition aushandeln. Ihr Land soll bald ein Weltereignis mitorganisieren. Jetzt Artikel lesen...
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Was heute noch wichtig ist
Arbeitsmarkt: Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht ihren Arbeitsmarktbericht für September.
Inflation: Das Statistische Bundesamt gibt die Inflationsrate für September bekannt (erste Schätzung).
Peking: Chinas Statistikamt veröffentlicht den Einkaufsmanagerindex (PMI) für das herstellende Gewerbe für September.
Geldanlage plus
Wie die USA mit Geld aus dem Ausland ihren Konsum finanzieren
Jakob Blume ist stellvertretender Ressortleiter Finanzen des Handelsblatts. (Foto: Tom Weller/dpa, Max Brunnert)
Wenn Volkswirtschaften über Jahre ein hohes Leistungsbilanzdefizit aufweisen, sprechen Ökonomen gern davon, dass diese Länder über ihre Verhältnisse leben. Es bedeutet, dass sie mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland einkaufen, als sie exportieren. In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung muss dieses Defizit durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland ausgeglichen werden.
Die USA sind das Paradebeispiel einer solchen Volkswirtschaft, die über ihre Verhältnisse lebt. Allein im zweiten Quartal führten die USA Waren und Dienstleistungen im Umfang von 246 Milliarden Dollar mehr ein, als sie exportierten.
Die Aussicht auf Aktienrückkäufe hat am Dienstag die Aktie von Julius Bär zeitweise um fast neun Prozent auf 77,92 Schweizer Franken steigen lassen.
Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma teilte am Dienstag nach Abschluss ihres Verfahrens gegen die Bank mit, dass Julius Bär schwerwiegend gegen aufsichtsrechtliche Bestimmungen verstoßen habe, insbesondere in den Bereichen Risikomanagement und Geldwäschebekämpfung. Das Schweizer Institut teilte mit, dass es bereits einen Antrag auf Aktienrückkäufe bei der Finma eingereicht habe.
Die Untersuchung stand nach Angaben der Aufsicht im Zusammenhang mit Krediten an einen europäischen Konzern sowie mit Kundenbeziehungen zu zwei politischen Personen aus Russland. Es war bereits das fünfte von der Finma gegen Julius Bär eingeleitete Verfahren in weniger als zehn Jahren. Julius Bär gehörte zu den größten Kreditgebern der zusammengebrochenen Immobiliengruppe des Tiroler Investors René Benko und musste dafür vor drei Jahren 586 Millionen Franken abschreiben. (rtr)
Kopf des Tages plus
„Wir verlagern unsere Infrastruktur unter die Erde oder in die Cloud“
Digitalministerin Oksana Ferchuk: „Wir haben Digitalbeauftragte in jeder Behörde.“ (Foto: Global Images Ukraine via Getty)
Kurz vor dem Treffen mit dem Handelsblatt hat Oksana Ferchuk schlechte Nachrichten aus Kiew erhalten. Russland hat in der Nacht mehrere Rechenzentren bombardiert. Die Angriffe werden die neue Digitalministerin der Ukraine in den folgenden Tagen beschäftigen, denn in Kiew kommt es danach zeitweise zu Internetausfällen.
Im Gespräch betont sie jedoch, der Schaden für die digitale Wirtschaft halte sich in Grenzen, weil die Ukraine ihre Systeme mehrfach abgesichert habe. „Wir haben uns darauf vorbereitet – schließlich sind wir im fünften Kriegsjahr“, sagt sie.
Handelsblatt Today ist der börsentägliche Podcast aus dem Newsroom des Handelsblatts. Wir analysieren für Sie die relevantesten Themen des Tages und beschreiben deren Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Wer gewinnt, wer verliert? Wo wird investiert? Darüber sprechen wir mit Analysten, Branchenexpertinnen, Politikern sowie Handelsblatt-Reportern und -Korrespondentinnen aus aller Welt. Jetzt reinhören.
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