E-Autos von BYD für den deutschen Markt (Foto: dpa)
Guten Morgen liebe Leserin, lieber Leser,
es klingt zunächst nach einer guten Nachricht für den europäischen Wirtschaftsstandort: Chinesische Unternehmen investieren wieder stärker in Europa. Im vergangenen Jahr sind die hiesigen Investitionen um 67 Prozent auf 16,8 Milliarden Euro gestiegen. Woher kommt die Begeisterung für den „alten Kontinent“? Die EU-Kommission rühmt sich selbst und ihren Protektionismus für die Entwicklung. Aus Brüsseler Sicht sind die Zahlen das Ergebnis einer härteren Chinapolitik, zu der die Schutzzölle gegen importierte chinesische E-Autos gehören.
Industriekommissar Stéphane Séjourné feiert den Erfolg mit dem Vergleich:
Europa ist kein kostenloses Buffet mehr.
Doch dass die Chinesen jetzt selbst in der Küche stehen, bedeutet nicht, dass sie sich nicht auch weiterhin am europäischen Buffet bedienen. Denn trotz der verstärkten Investitionstätigkeit legen auch die chinesischen Exporte in die EU weiter zu. Das Ausmaß des Warenzustroms ist so groß, dass Ökonomen von einem neuen „China-Schock“ sprechen. Vor allem deutsche Unternehmen – Autokonzerne, Zulieferer, Maschinenbauer – stehen unter hohem Wettbewerbsdruck. Denn „Made in China“ steht längst nicht mehr nur für billigen Ramsch, sondern auch für Produkte mit Qualität.
Leider wollen die Chinesen ihr Know-how in wichtigen Sektoren wie E-Autos allerdings nur ungern teilen und unternehmen wenig, um das auf den Exportsektor ausgerichtete Wirtschaftsmodell anzupassen. Das hört sich an, als habe China erfolgreich das über Jahrzehnte funktionierende deutsche Geschäftsmodell kopiert.
Dass China droht, ökonomisch das neue Deutschland zu werden, unterstreicht auch die folgende Nachricht. So denkt der Volkswagen-Konzern offenbar schon seit 2024 darüber nach, auf den eigenen Montagelinien chinesische Autos fertigen zu lassen. Das haben vier mit den Vorgängen vertraute Personen meinem Kollegen Lazar Backovic bestätigt. Volkswagen lehnte eine Stellungnahme ab.
Konkret ging es wohl darum, freie Kapazitäten in deutschen Werken mithilfe chinesischer Joint-Venture-Partner auszulasten. Der Autobauer kämpft schon länger mit hohen Kapazitäten, die aber zu wenig genutzt werden. Diskutiert worden sei damals unter anderem eine Zusammenarbeit mit dem Staatskonzern und VW-Partner SAIC am Standort Emden. Die Gespräche endeten jedoch ohne Ergebnis.
Nachdem zuletzt US-Präsident Donald Trump in Peking zu Besuch war, gibt sich heute der russische Präsident Wladimir Putin dort die Ehre. Damit nutzt Staatschef Xi Jinping das internationale Chaos, um sich als Ruhepol und Drehkreuz globaler Großmächte zu inszenieren. Ohne die USA explizit zu nennen, bringt sich die Volksrepublik immer wieder als Alternative zur US-dominierten Weltordnung in Stellung, so auch jetzt wieder. Die Welt stelle sich auf die „Pekinger Zeit“ ein, heißt es in den Staatsmedien – ein Deutungsrahmen, der die wachsende Zahl internationaler Staatsbesucher seit Ende des vergangenen Jahres bündelt, darunter Emmanuel Macron, Keir Starmer und Friedrich Merz.
Der Krieg im Iran hat Auswirkungen auf die globalen Anleihenmärkte. Die Kurse sind gefallen und da sich die Renditen in einem solchen Fall gegenläufig entwickeln, sind diese deutlich gestiegen – teilweise sogar auf lange nicht gesehene Höchststände. Die zehnjährige deutsche Bundesanleihe rentiert mit knapp 3,2 Prozent auf ähnlichem Niveau wie zuletzt vor 15 Jahren.
Die Logik dahinter lautet wie folgt: Da der Krieg und die Blockade der Straße von Hormus unter anderem die Energiepreise steigen lassen, steigen auch die Produktionskosten und damit die Inflation. Anleger können also damit rechnen, dass die Zentralbanken die Zinsen anheben werden, um die Preissteigerungen einzufangen. Auch neue Anlagen würden dann mit höheren Zinskupons ausgegeben – darauf warten Investoren derzeit und scheuen das aktuelle Angebot.
Die aktuelle Lage erinnert an 2022, als der Ukrainekrieg Anleiherenditen in die Höhe trieb und die Kurse europäischer Staatsanleihen teilweise um 20 Prozent einbrachen. Doch komplett vergleichbar ist die Situation nicht. Denn heute gelten Anleihen unter einer Voraussetzung weiterhin als attraktiv. Welche das ist, hat meine Kollegin Andrea Cünnen für Sie aufgeschrieben.
Anthropics Claude-Modell auf einem Laptop (Foto: Bloomberg)
Die ambitionierten KI-Pläne der SPD
Wenn sich der Staat entscheidet, eine große Technologieoffensive herbeizuregieren, sind die Erfolgsaussichten oft überschaubar. Das dürfte auch der deutschen Regierungspartei SPD bekannt sein – doch versuchen will sie es trotzdem. Bis zu eine Billion Euro privates Kapital für Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Infrastruktur in Europa wollen die Sozialdemokraten mobilisieren. Dabei geht es um das seit Jahren leierkastenartig heruntergebetete Ziel digitaler Souveränität und einer geringeren Abhängigkeit von US-amerikanischen Anbietern. Ein Ziel, dem Europa bisher kaum nennenswert nähergekommen ist.
Die Digitalpolitiker Johannes Schätzl und Matthias Mieves wollen es jetzt mithilfe von privatem Kapital etwa von Versicherungen, Pensionskassen und institutionellen Anlegern versuchen. Als Investitionsanreize schlagen die Politiker staatliche Abnahmegarantien für bestimmte KI-Rechenleistungen vor. Das geht aus einem gemeinsamen Strategiepapier hervor, das mein Berliner Kollege Dietmar Neuerer einsehen konnte. Als ehemalige Berichterstatterin für Digitalpolitik im Handelsblatt Hauptstadtbüro halte ich den Vorstoß einer europäischen KI-Offensive für ehrenwert, muss aber mal wieder an Johann Wolfgang von Goethe denken: „Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“
Zum Abschluss habe ich heute noch News aus dem Handelsblatt-Kosmos für Sie. Denn das Morning Briefing ist bereits ein echter Teenager geworden und feiert in diesen Tagen sein 15-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass präsentieren wir Ihnen in den kommenden 15 Ausgaben jeweils einen spannenden Fakt aus der Historie des Briefings.
Wir beginnen mit dieser Ausgabe an Ende des Briefings und enden zum großen Korrespondentenabend, bei dem Sie als Abonnentinnen und Abonnenten meinen Kollegen Sven Prange live auf der Bühne erleben können. Ich habe Sven schon des Öfteren live erlebt – in Konferenzräumen, beim Mittagessen oder in der Kaffeeküche – und kann nur sagen: Es lohnt sich immer!
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag voller spannender Begegnungen.
Es grüßt Sie herzlich
Ihre Teresa Stiens Autorin Handelsblatt
15 Jahre – 15 Fakten
(Foto: Getty Images [M])
#1: News und Meinung gebündelt ins Postfach
Ein aktueller Nachrichtenüberblick aus Wirtschaft und Politik mit einer ordentlichen Portion Meinung: Was für viele von Ihnen heute zum Morgenritual gehört, ist 2011 fast ein Novum. Denn als am 7. April des Jahres das erste „Handelsblatt Morning Briefing“ erscheint, gibt es in Deutschland kaum vergleichbare journalistische Morgen-Newsletter.
Einer ist der 2007 gestartete Newsletter „turi2 am Morgen“ von Journalist und Fachblogger Peter Turi. Das kurz danach in Washington gegründete „Playbook“ des US-Mediums Politico ist in den Folgejahren für viele Medien Vorbild für Newsletter zum Start in den Tag.
Der Axel-Springer-Verlag stellt seinen kostenpflichtigen Morgen-Newsletter „Welt Lage“ schon 2010, gut ein Jahr nach dem Start, wieder ein. Seit dem Kauf von Politico 2021 ist der Springer-Konzern wieder Anbieter von morgendlichen Playbooks aus Deutschland und Europa.
Mittlerweile versenden die meisten Medienunternehmen morgendliche „Lage“- oder „Früh“-Briefings. Aber nur ein weiteres Mal findet sich darunter der Name „Morning Briefing“: Das kommt vom ehemaligen Handelsblatt-Chefredakteur und Morning-Briefing-Erfinder Gabor Steingart, der seinen Newsletter seit 2018 in seinem Medienunternehmen The Pioneer herausgibt.
Seit dem ersten Handelsblatt Morning Briefing sind 5523 Tage vergangen. An fast 3800 Tagen davon ist es erschienen, anfangs noch gegen 8 Uhr morgens – dann immer früher und selten auch mal später.
Weitere Schlagzeilen
Meta streicht laut Bericht zehn Prozent der Stellen und setzt auf KI: Der Facebook-Konzern investiert massiv in Künstliche Intelligenz. Um das zu finanzieren, werden Arbeitsplätze abgebaut. Bereits am Mittwoch sollen die Kündigungen rausgehen. Jetzt Artikel lesen...
Merkel fordert mehr Gespräche mit Russland: Angela Merkel sieht auch europäische Staaten in der Pflicht, sich als Vermittler im Ukrainekrieg einzubringen. Sie persönlich befürworte zudem die militärischen Hilfen. Jetzt Artikel lesen...
Geplanter Angriff auf Iran nach Bitte von Golfstaaten abgesagt: US-Präsident Donald Trump ist nach eigenen Angaben von Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gebeten worden, einen geplanten Angriff auf den Iran auszusetzen. Jetzt Liveblog lesen...
Alles lesen – mit dem Morning Briefing plus
Sie wollen mehr Inhalte lesen als in dieser kostenfreien Ausgabe des Morning Briefings? Dann entscheiden Sie sich jetzt für das Morning Briefing plus. Für 9,99 € monatlich erhalten Sie vollen Zugriff auf:
die exklusive Samstagsausgabe mit Wochenrückblick
„Morning Briefing Insight“ – den Samstagspodcast der Chefredaktion mit exklusiven Redaktions‑Insights
einen Top-Artikel aus dem täglichen Editorial, der sonst nur für Abonnentinnen und Abonnenten des Handelsblatts lesbar ist
Dünger: Die EU-Kommission stellt ihren Vorschlag für einen Düngemittelplan vor, der Düngemittel für Landwirte in Europa verfügbar und bezahlbar machen soll.
Arbeit: Das Statistische Bundesamt veröffentlicht seine vierteljährliche Arbeitsmarktstatistik mit Ergebnissen zu Erwerbstätigenzahl und Arbeitszeit und -volumen.
E-Autos: Die Antragsplattform für die neue E-Auto-Förderung wird freigeschaltet. Anträge sind für Kauf und Leasing neuer Elektroautos möglich, auch rückwirkend zum Jahresanfang.
Handelsblatt Today ist der börsentägliche Podcast aus dem Newsroom des Handelsblatts. Wir analysieren für Sie die relevantesten Themen des Tages und beschreiben deren Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Wer gewinnt, wer verliert? Wo wird investiert? Darüber sprechen wir mit Analysten, Branchenexpertinnen, Politikern sowie Handelsblatt-Reportern und -Korrespondentinnen aus aller Welt. Jetzt reinhören.
Sie möchten die Vielfalt unserer Audioformate kennenlernen? Zu allen Handelsblatt-Podcasts geht's hier entlang.
Sie wollen mehr Qualität in Ihren Google-Suchergebnissen? Machen Sie das Handelsblatt bei Google zu Ihrer wichtigen Nachrichtenquelle! Details dazu finden Sie in diesem Artikel.
Fügen Sie bitte die E-Mail-Adresse Morning.Briefing@redaktion.handelsblatt.com Ihrem Adressbuch oder der Liste sicherer Absender hinzu. Dadurch stellen Sie sicher, dass unsere Mail Sie auch in Zukunft erreicht.
Weitere hilfreiche Informationen zu unseren Newslettern finden Sie in unserem FAQ. Informationen zum Datenschutz finden Sie hier. Informationen zur Barrierefreiheit können Sie
hier einsehen.