wenn Bundesbankpräsident Joachim Nagel seine Vespa tankt, schaut er derzeit etwas häufiger auf den Preis. „Klar versuche ich, zu sparen – wie andere auch“, verrät Nagel im Handelsblatt-Interview. Nun will ich Sie hier nicht ins Privatleben des Bundesbankobersten entführen – sondern zu einem Problem, das Nagel beruflich mehr umtreibt als privat: Die Inflation beschleunigt sich. „Es ist schon jetzt schmerzhaft. Und es ist wahrscheinlich, dass die Preissteigerungen nicht auf die Kraftstoffe begrenzt bleiben“, sagt Nagel. Und weiter:
Bei der Inflation kann also noch einiges auf uns zukommen.
Er rechnet aufs Jahr gesehen mit 2,7 Prozent Teuerung. Selbst eine Inflation auf Monatsbasis von vier Prozent will Nagel nicht ausschließen.
Mit durchaus überraschender Vehemenz wirbt er nun für kräftige Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank:
Zinserhöhungen werden immer wahrscheinlicher.
Das mag für Sparer verlockend klingen, für Finanzminister, Unternehmen und Ökonomen ist es aber eine Horrorvorstellung: Kaum Wirtschaftswachstum und steigende Zinsen – das geht selten gut.
US-Inflation: Verbraucher zahlen für Trumps Iran-Krieg
Während Nagel vor vier Prozent Inflation warnt, sind die USA fast dort. Die Preise stiegen im April um 3,8 Prozent, die höchste Rate seit Mai 2023. Hauptgrund: das durch den Iran-Krieg verteuerte Öl.
Damit zahlen Donald Trumps Wähler den Preis für den Krieg ihres Präsidenten. Und für die heute beginnende China-Reise könnte das diplomatische Folgen haben. Trump kommt heute zusammen mit zahlreichen US-Managern in Peking an. Offiziell geht es um Handel. Tatsächlich braucht Trump aus Peking vor allem ein Signal Richtung Teheran – denn nur Chinas Staatschef Xi Jinping hat den nötigen Hebel auf die iranische Führung. Bei der ersten Reise eines US-Präsidenten nach Peking seit 2017 ist der Hauptdarsteller der selbe. Seine Rolle aber eine neue – die des Bittstellers.
Im juristischen Tauziehen um seine Zollpolitik hat US-Präsident Trump am Dienstagabend einen Teilerfolg errungen. Ein Berufungsgericht hat die Entscheidung einer unteren Instanz vorläufig ausgesetzt, das Trumps temporäre Zölle auf Einfuhren aus der ganzen Welt vergangene Woche als rechtswidrig eingestuft hatte. Importeure müssen nun zunächst weiter die Abgaben in Höhe von zehn Prozent zahlen.
JP-Morgan-Chef Jamie Dimon sprach sich derweil für ein Ende der „dummen“ Handelskonflikte zwischen der EU und den USA aus. In einem Interview mit dem TV-Sender Bloomberg sagte der Chef der größten US-Bank, von einem Ende des Handelskonflikts würden beide Seiten profitieren.
Wenn Sie mich fragen, was das Ziel für unsere wirtschaftliche Beziehung zu Europa sein sollte, sollte es ein stärkeres Europa sein.
Leibinger-Kammüller: „Seit Kriegsende war die Lage nie so dramatisch“
Irgendwann während ihres Gesprächs unterbrachen meine Kollegen Kirsten Ludowig und Martin W. Buchenau die Chefin des Maschinenbauunternehmens Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, vorsichtig: „Sie haben Wut im Bauch, das spürt man.“ Tatsächlich rechnet die Unternehmerin mit der deutschen Politik ab.
Drei Sätze finde ich besonders bemerkenswert:
Seit Kriegsende war die wirtschaftliche Lage in Deutschland noch nie so dramatisch. Da war Corona nichts dagegen.
Über die politische Kultur sagt sie:
Die Kunst besteht darin, sich in die anderen hineinzuversetzen und ihnen etwas zu geben. Wenn jetzt die Erhöhung des Spitzensteuersatzes kommen sollte, dann muss auch die SPD liefern, vor allem bei den Sozialabgaben.
Und trotzdem bleibt am Ende nicht nur ihr Schimpfen hängen:
Ich habe aber auch Hoffnung, weil in unserem Land große Kraft steckt.
Als Friedrich Merz gestern auf seinen Auftritt beim Kongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes wartete, wirkte er angespannt. Wie sich schnell herausstellte: zu Recht. Regelrechtes Protestgeheul erschallte, als der Kanzler zur Rentenreform sagte, die sei „keine Bösartigkeit von mir“, sondern Konsequenz „aus Demografie und Mathematik“. Niemand schlage Kürzungen vor, die seien ohnehin „nicht zulässig“.
Wenige Stunden später, gleiche Veranstaltung, andere Welt. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) versprach, den Acht-Stunden-Tag zu verteidigen. Dass im Koalitionsvertrag das Gegenteil steht?
Wenn es nach der SPD und nach mir persönlich ginge, würden wir das Thema Arbeitszeit gar nicht erst anfassen.
Wer hier Konfrontation zum Kanzler vermutet, liegt womöglich falsch. Denn Merz sprach gestern viele unbequeme Themen an – Rente, Krankenversicherung, Mitbestimmung. Nur zu einem Thema sagte er kein Wort: zur Arbeitszeit. Schweigen kann auch eine Form von Koalitionsmanagement sein.
Die Beziehung des deutschen Softwarekonzerns SAP zur Künstlichen Intelligenz ist bisher, vorsichtig formuliert, eher eine unterkühlte. Erst sah der Walldorfer Konzern den Wandel nicht wirklich kommen, dann überzeugten seine Nachholversuche bisher weder Kunden noch Anleger. Doch nun soll alles besser werden.
Zum einen beteiligt sich SAP am Berliner Start-up N8N. Die SAP-Finanzierung hebt den Firmenwert des Automatisierungsspezialisten von N8N nach eigenen Angaben auf 5,2 Milliarden Dollar. Die Berliner überholen damit das Freiburger Unternehmen Black Forest Labs als wertvollste deutsche KI-Firma.
Zeitgleich kündigte SAP gestern an, seine Geschäftsanwendungen würden künftig autonom arbeiten können. Das Management um Vorstandschef Christian Klein nennt diese Vision „autonomes Unternehmen“. Kleiner Haken: SAP stellte die Pläne auf seiner Kundenmesse Sapphire vor. Was dort präsentiert wird, ist meist eher Wunsch als Wirklichkeit. Aber manchmal führt Ersterer ja auch zu Zweiterem.
Blackrock-Chef Larry Fink hatte es vergangene Woche schon vorempfunden: „Eine neue Asset-Klasse wird Futures auf Rechenleistung kaufen.“ Nun macht die weltgrößte Terminbörse CME Group genau das möglich. Der Treibstoff der KI-Revolution soll erstmals eine spekulierbare Ware werden. Grundlage wäre der Silicon Data H100 Rental Index, der täglich den Mietpreis für Nvidia-GPUs misst. Die US-Aufsichtsbehörde CFTC muss den Plan noch genehmigen.
Die Nachfrage ist real: H100-Stundenmietpreise schwanken je nach Anbieter zwischen 2,64 und 7,46 Dollar. Und auch logisch wäre der Schritt: Jeder knappe, volatile Rohstoff bekommt irgendwann einen Terminmarkt. Und so lange die KI-Bits nicht durch die Straße von Hormus müssen, scheint mir das ein verlässliches Geschäft zu sein.
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Oliver Zipse (Foto: Reuters, Getty Images, PR [M])
Auto: Ungewöhnliche Liebeserklärung an BMW-Chef Zipse
Lassen Sie uns zum Schluss ausnahmsweise auf die gedruckte (oder ver-PDFte) Handelsblatt-Ausgabe schauen. Dort gratuliert Mercedes-Benz mit einer ganzseitigen Anzeige dem scheidenden BMW-Chef Oliver Zipse. Unter einem schwarzen BMW-Logo prangt der Satz: „Du hast der Niere Dein Herz geschenkt.“ Eine Anspielung auf die ikonische BMW‑Optik. Darunter, fast zärtlich: „Der Erfinder des Automobils gratuliert Oliver Zipse herzlich zu seiner großartigen 35-jährigen Laufbahn bei BMW.“ Wer solche Konkurrenten hat, braucht keine Freunde mehr.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute ähnlich geschmeidig Richtung Feiertag gleiten. Wir lesen uns Freitag wieder.
Herzliche Grüße
Ihr Sven Prange Lead Editor Handelsblatt
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