selten ließ sich Europas digitale Ohnmacht so unmittelbar besichtigen wie an diesem Wochenende. Auf Geheiß der US-Regierung musste der KI-Konzern Anthropic seine neuesten Modelle Fable 5 und Mythos 5 für sämtliche Nicht-US-Bürger sperren – und schaltete sie aus technischen Gründen kurzerhand weltweit ab. Damit ist Europa vorerst vom mutmaßlich leistungsstärksten KI-Modell der Gegenwart abgeschnitten.
Drei Lesarten bieten sich an: Die Behörden taten nur ihre Pflicht, schließlich warnte ausgerechnet Anthropic-Partner Amazon vor Sicherheitsproblemen der Modelle. Oder da ficht ein US-Präsident einen persönlichen Kampf gegen eine Firma aus, die ihre Anwendungen dem US-Militär verweigerte. Oder Donald Trump, international zuletzt selten auf der Siegerstraße, hat ein neues Mittel gefunden, Freund und Feind zu ärgern.
Das Motiv aber ist deutlich weniger wichtig als die Konsequenz. Wenn die US-Regierung es möchte, können wesentliche Teile der technologischen Infrastruktur unserer Welt für Europa abgestellt werden. Irgendein Außenhandelsgesetz, mit dem sich das begründen ließe, scheint bei ausreichend destruktivem Willen in Washington immer herumzuliegen. Und Europa kann wenig mehr als zuschauen – denn große Sprachmodelle wie jene von Anthropic oder dem ebenfalls amerikanischen OpenAI gibt es allenfalls noch in China – aber eben nicht in Europa.
Die Trump-Regierung, übrigens genauso wie China, hat Technologiepolitik längst zum Bestandteil ihrer geopolitischen Aktivitäten erklärt. Der US-Politökonom Alex Capri nennt das Techno-Nationalismus und meint damit eine strukturelle Verschiebung. Das klassische Machtdreieck aus Militär, Wirtschaft und Diplomatie bekommt eine vierte Achse: technologische Handlungsfähigkeit.
Diese Verschiebung ist seit Jahren zu beobachten. Insofern sind an dem Schritt vom Wochenende vor allem zwei Punkte überraschend: Der Anlass – der ganze Vorgang wirkt ziemlich überstürzt, angeblich soll das Handelsministerium Anthropic nur 90 Minuten gegeben haben, um das Problem zu lösen. Und dass Europa nicht den Hauch einer Antwort auf solche Fälle vorbereitet hat – außer der ritualisierten Empörung, die auch gestern wieder in Brüssel in Worthülsen gepresst wurde. Einmal mehr befindet sich der Kontinent in Trumps Händen, einmal mehr hat er keine Lösung für das Problem.
Ein Durchbruch in den Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA am Wochenende schien zunächst unwahrscheinlich, doch nun kam es am Sonntagabend doch noch zu einer Einigung. US-Präsident Donald Trump bestätigte ein Friedensabkommen mit dem Iran. Auf seiner Social-Plattform Truth Social kündigt er die Öffnung der Straße von Hormus und das Ende der amerikanischen Seeblockade an.
Auch der Iran bestätigte das Kriegsende am Sonntagabend. Militäreinsätze an verschiedenen Fronten sollen enden. Das gelte auch für den Libanon, erklärt der iranische Vize-Außenminister. Die Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen sollen in einem Zeitraum von 60 Tagen stattfinden, erklärt er weiter. Sollte die Gegenseite gegen Vereinbarungen verstoßen, werde der Iran eigene Maßnahmen ergreifen.
Mit dem Abkommen könnte der nun seit mehr als drei Monaten andauernde Krieg im Nahen Osten ein Ende finden und die angespannte Lage an den Rohstoffmärkten dauerhaft entschärfen. Insbesondere die Blockade der Straße von Hormus hatte die Ölpreise in den vergangenen Monaten massiv angehoben. Nun schreibt Trump auf Truth Social: „Lasst das Öl fließen.“
Jubel an der Wall Street nach dem Space-X-Börsengang (Foto: Reuters)
Märkte: Die Folgen von Musks Mega-Börsengang
Elon Musk ist nach dem erfolgreichen Börsengang seines Raketen- und KI-Unternehmens SpaceX nicht nur der erste Billionär der Menschheitsgeschichte – sondern auch Wegbereiter für weitere Börsenspektakel mit Billionendimension.
SpaceX hatte am Freitag bei seinem Börsengang zunächst 75 Milliarden Dollar eingespielt, womit der Unternehmenswert bei knapp 1,8 Billionen Dollar lag. Der Aktienkurs stieg dann am ersten Handelstag um gut 19 Prozent. Nach Einschätzung von Martin Geißler, Partner bei der französischen Unternehmensberatung Argon & Co, öffnet das eine „vielleicht einmalige Tür für Mega-IPOs“.
Die KI-Start-ups Anthropic und OpenAI haben bereits einen Antrag für einen Börsengang eingereicht. „Wer nach SpaceX als Erster durch diese Tür geht, der hat es extrem leicht, zu sehr guten Preisen seinen IPO durchzubekommen“, sagt Geißler. Insofern könnten sich bei Anthropic und OpenAI in den nächsten Monaten die Gewichtungen verschieben: Nicht mehr, wer das beste KI-Modell hat, ist entscheidend. Sondern wer am schnellsten den Börsengang vorbereitet.
Frankreichs Präsident Macron (Foto: IMAGO/Bestimage)
Handel: Wie China deutsche Jobs wegsubventioniert
Der gute Stil gebietet ja, nicht schlecht über Abwesende zu reden. Doch genau das wird diese Woche bei zwei internationalen Gipfeln passieren: Sowohl beim Treffen der G7-Staats- und Regierungschefs ab heute im französischen Évian als auch beim EU-Gipfel Ende der Woche wird ein Thema für Diskussionen sorgen: der Umgang mit China. Selbst das in Deutschland lange Zeit unbeliebte Wort „Schutzzölle“ dürfte dann fallen.
Nach einer Analyse der OECD sind rund 60 Prozent der globalen Marktanteilsgewinne chinesischer Unternehmen in den letzten 20 Jahren auf staatliche Subventionen zurückzuführen. Darunter leidet besonders die deutsche Industrie, wie Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigen. Demnach dürfte Deutschland zwischen 2019 und 2025 nur wegen Chinas Handelspolitik etwa 400.000 Industriearbeitsplätze verloren haben. IW-Forscher Jürgen Matthes sagt:
Das Gros der Deindustrialisierung in Deutschland ist damit auf China zurückzuführen.
Eine einheitliche Position gibt es innerhalb der EU dennoch nicht. Erst wenn Berlin bereit sei, eine härtere Gangart gegenüber Peking mitzutragen, will sich Europa in diese Richtung bewegen. Das Problem ist: Außenamt und Finanzminister sind eher für eine härtere Gangart, das Wirtschaftsministerium eher nicht. Und der Kanzler? Schwankt. Das ist der Unterschied: Die Chinesen wissen, was sie tun. Die Europäer wissen nicht mal, was sie wollen.
Die Investmentgesellschaft Brookfield und der Pensionsfonds CPP Investments haben gemeinsam Interesse an einem Kauf von Anteilen am deutschen Energiekonzern Uniper bekundet, wie meine Kollegin Catiana Krapp erfahren hat. Uniper ist Deutschlands wichtigster Gasimporteur.
Die Bundesregierung rettete Uniper nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine und die folgenden Turbulenzen im Gasmarkt, indem sie 99 Prozent an dem Konzern übernahm. Aufgrund von EU-Auflagen muss sie bis Ende 2028 rund 75 Prozent der Anteile wieder abgeben. Das kanadische Duo verfügt über reichlich Kapital: Brookfield verwaltet Vermögenswerte von mehr als einer Billion US-Dollar, CPP Investments rund 570 Milliarden US-Dollar. Im Konsortium hätten die beiden Unternehmen das Potenzial, die gesamten 75 Prozent an Uniper zu übernehmen, die zum Verkauf stehen.
Das Sportliche war beim Start der deutschen Mannschaft in die Fußball-Weltmeisterschaft schnell geklärt: Angesichts des 7:1 gegen Curaçao blieben alternative Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Und die wurden vom mitgereisten Fachpersonal rege genutzt. So leistete sich TV-Experte und Trainerlegende Jürgen Klopp ein kleines „noch“ hinter seiner Erkenntnis, für die Mannschaftsaufstellung der Deutschen sei der Bundestrainer verantwortlich.
Die Aufregung war groß. Dabei könnte es ja sein, dass die Dynamik der Ereignisse in Nordamerika die von Klopp angedeutete Frage womöglich ohnehin überflüssig macht. Das letzte 7:1 einer deutschen Mannschaft bei einer WM jedenfalls, an das ich mich erinnern kann, war das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Der Gegner kam ebenfalls aus Südamerika und anschließend wurde Deutschland Weltmeister.
Ich wünsche Ihnen – noch – einen guten Wochenstart.
Herzliche Grüße
Ihr Sven Prange Lead Editor Handelsblatt
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