Die Geschichte hinter dem Whoop-Erfolg | Der Siegeszug von Haribo
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Montag, 11.05.2026
Jugendliche am Smartphone. (Foto: Elisa Schu/dpa)
Liebe Leserinnen und Leser,
haben Sie heute schon auf der Social-Media-Plattform Ihres Vertrauens gescrollt? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Zwei von drei Deutschen nutzen soziale Netzwerke regelmäßig. Die Plattformen steuern oft unseren Alltag: Wir bekommen Updates unserer Freundinnen und Freunde, News über unsere Lieblingsband oder unseren Lieblingsverein, Aktuelles aus der Welt angezeigt – und Inhalte, die der Algorithmus für relevant hält.
Das Problem: Tech-Konzerne halten ihre Algorithmen geheim. Wir können sie nicht anpassen. Fake News, Echokammern, Filterblasen, die enorme Suchtgefahr kommen hinzu. Die Gefahren der Plattformen kennen wir alle.
Ein Berliner Start-up denkt soziale Netzwerke nun ganz anders. Die Plattform Wedium positioniert sich als europäische Alternative zu Tiktok, Instagram und Co. Schon im Namen, einer Wortkreuzung aus „we“ (Englisch für „wir") und „Medium“, steckt eine zentrale Botschaft.
„Holen wir uns Social Media zurück“, schreibt das Wedium-Team auf seiner Website. Wie das funktionieren soll, haben mir die Gründerinnen und Gründer erklärt. Vier von ihnen arbeiten in einer Berliner Kommunikationsagentur, der fünfte hat die Plattform technisch aufgebaut.
„Unser Ziel ist es, mit Wedium eine europäische, attraktive und skalierbare Plattform zu schaffen, die nicht nur kommerziell erfolgreich ist, sondern auch unseren politischen Diskurs versachlicht, Kinder und Jugendliche schützt und gleichzeitig unsere Demokratie stärkt“, sagen sie. Mit ID-Verifizierung, strengeren Jugendschutzregeln und einem nach eigenen Angaben transparenteren Algorithmus will Wedium Bots von der Plattform fernhalten und problematische Inhalte begrenzen.
Das ist die Vision von Wedium:
Zentraler Punkt ist die „Echtheits-Garantie“: Eine ID-Verifizierung für alle User, die Inhalte teilen, posten oder kommentieren, soll dafür sorgen, dass Bots und Fake-Accounts ausgeschlossen werden. Wer nur schaut und die App passiv nutzt, muss sich nicht verifizieren.
Die Hälfte der Werbeeinnahmen wird an Content-Kreatoren weitergegeben.
Durch Micropayments und integrierte Abomodelle will Wedium Medienhäuser unterstützen und so mehr Sichtbarkeit für qualitativ hochwertige Inhalte schaffen.
Wedium richtet sich auch an Eltern, „die sich zu Recht Sorgen machen“. Daher fließen Empfehlungen von Expertinnen und Experten zum Jugendschutz in die Entwicklung der Plattform ein.
Die Zeit sei reif für einen europäischen und vertrauenswürdigen Gegenspieler zu den Big Playern, betont das Team. Als „Erweckungserlebnis“ nennen die Gründer die Bilder von Donald Trumps Amtseinführung im vergangenen Jahr und der demonstrativen Nähe großer Tech-Unternehmer auf der Party. Die Notwendigkeit einer europäischen Alternative und digitaler Souveränität sei dringender denn je.
Wedium-Team: Sebastian Wilke, Andreas Hacker, Johannes Meissner, Dr. Nele Meissner, Lukas Backhaus (v. l.). (Foto: Theola Compagnon)
Natürlich hinkt der Vergleich. Die Zahlen zeigen aber, dass Tech-Konzerne inzwischen mehr sind als bloße Medienunternehmen. Manche von ihnen – zum Beispiel Facebook- und Instagram-Mutterkonzern Meta – sind an der Börse so viel wert wie die jährliche Wirtschaftsleistung ganzer Staaten. Plattformbetreiber haben Macht. Und Wedium hofft, den Nutzerinnen und Nutzern die Macht über Inhalte, Funktionen und Diskussionen zurückzugeben.
Was ein „gesunder“ Algorithmus sein soll
Dafür soll der „gesunde“ Algorithmus sorgen, den das Team gemeinsam mit einem „Advisory Board“ entwickelt. Diesem Gremium gehören etwa Digital-, Jugendschutz- und Kommunikationsexperten an.
Ein „gesunder“ Algorithmus klingt für mich erst einmal wie ein Widerspruch. Schließlich sorgen die geheimen, personalisierten und süchtig machenden Mechanismen im Hintergrund ja erst dafür, dass Nutzerinnen und Nutzer viel Zeit auf den Plattformen verbringen. Wie kann das „gesund“ funktionieren?
Auf meine Frage antwortet mir das Team: Wediums Algorithmus soll auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, transparent steuerbar sein sowie Mechanismen wie endloses Scrollen vermeiden. Außerdem sollen User Pausenhinweise und Abfragen zur Nutzungszeit angezeigt bekommen.
Die Konkurrenz heißt Instagram und Tiktok
Mehr als 10.000 Personen haben sich nach Wedium-Angaben bereits in eine Warteliste eingetragen. Auch ich habe die App bereits als geschlossene Beta-Version testen dürfen. Vieles wirkt vertraut, denn Wedium ist ähnlich aufgebaut wie die Konkurrenz. Eine „For me“-Seite zeigt mir Reels an. Dazu gibt es die Möglichkeit, Nachrichten zu schicken, Communitys beizutreten, das eigene Profil zu bearbeiten und Beiträge hochzuladen.
Das dürfte Nutzern sowie Kreatoren den Umstieg erleichtern. Inwiefern aber der „gesunde“ Algorithmus funktioniert und der hohe Datenschutz Transparenz herstellt und keine Hürde darstellt, wird sich im Juli zeigen, wenn der offizielle Start erfolgen soll – zunächst in der DACH-Region, danach europa- und weltweit.
Die Ziele sind ambitioniert:
Menschen
sollen Wedium bis Jahresende nutzen.
Die Vision: In fünf Jahren wollen die Berliner die große Social-Media-Plattform Europas für echten Austausch zwischen echten Menschen und freien, respektvollen Austausch von Meinungen sein, sagt das Team. Dafür setzt es auf eine schnelle Skalierung.
Auf meine Frage zum Geschäftsmodell verweisen die Gründerinnen und Gründer weniger auf konkrete Kennzahlen, sondern auf das Potenzial: „Immerhin sprechen wir allein in Europa von einem Markt von 400 Millionen Usern; weltweit natürlich noch mehr.“ Die Kalkulation setzt aber voraus, dass das Projekt tatsächlich an Fahrt aufnimmt.
David lernt gerade laufen.
Wedium über den Wettbewerb mit den US-Tech-Konzernen
Steigen dann die Nutzerzahlen, nehme auch die Attraktivität der Plattform für Werbetreibende exponentiell zu, sagt das Start-up: „Dass wir nur echte Menschen auf der Plattform haben und ein höherwertiges Umfeld, macht Wedium zusätzlich attraktiver – für Nutzende und Werbetreibende gleichermaßen.“
Social Media auf dem Smartphone: Schätzungen zufolge erreicht Instagram weltweit zwei Milliarden aktive Nutzer, Tiktok mehr als eine Milliarde. (Foto: dpa)
Ziemlich ehrgeizig, war mein erster Gedanke. Wedium ist nicht das erste Projekt mit großer Vision. Mir fiel Mastodon ein, das als Alternative für die Kurznachrichtenplattform X gilt. Mastodon nutzen zwar inzwischen etwa 740.000 Menschen, ein globaler Wettbewerber von X ist es damit aber bei Weitem nicht.
Aber vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, groß zu denken. Immerhin startete auch die Konkurrenz bei null. Schätzungen zufolge erreicht Instagram weltweit zwei Milliarden aktive Nutzer, Tiktok mehr als eine Milliarde. Wedium gibt selbst gern zu, dass der Wettbewerb gerade wie ein Kampf zwischen David und Goliath erscheint. „Und David lernt gerade laufen.“
Würden Sie eine europäische Social-Media-Plattform nutzen? Und was müsste sie Ihnen bieten, damit Sie Tiktok, Instagram oder Facebook tatsächlich seltener öffnen? Ist es an der Zeit, dass wir in Europa selbst handeln und Plattformen und Technologien selbst auf den Markt bringen? Ich freue mich auf Ihre Gedanken!
In der kommenden Woche begrüßen meine Kollegin Nina C. Zimmermann und ich Sie wieder.
Herzliche Grüße
Ihr
Justus Heinisch
Redakteur Handelsblatt
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