Wenn Sie nur wenig Zeit haben,
liebe Leserinnen und Leser,
dann sollten Sie sich mit Mira Murati und ihrer Firma beschäftigen. Zur Erinnerung: Sie arbeitete einst bei Tesla und war später Technikchefin bei OpenAI. Während der Vorstandskrise und dem zwischenzeitlichen Rauswurf von CEO Sam Altman führte sie das KI-Start-up sogar als Chefin. Dann gründete sie ihre eigene Firma, nahm Spitzenkräfte von OpenAI mit und sammelte schnell zwei Milliarden Dollar von Investoren ein. Nun hat sie mit ihrem Team bei Thinking Machines Lab ihr erstes KI-Modell veröffentlicht.
KI-Illustration Mira Murati: Die Ex-CTO von OpenAI wählte eine Architektur wie beim chinesischen Deepseek-Modell für ihre eigene Firma. (Optik: Stephan Scheuer / GPT Image 2)
Warum das wichtig ist: Modelle gibt es viele. Aber Murati und ihr Team machen zwei Dinge besonders. Erstens: Anders als andere US-Rivalen wie OpenAI und Anthropic macht sie ihr Modell frei verfügbar. Jeder Kunde darf es herunterladen und selbst betreiben. Und zweitens baut sie die Architektur des neuen Modells ausgerechnet auf dem chinesischen Rivalen Deepseek auf.
Inkling, so heißt das Modell, schneidet bei der Leistung im Mittelfeld ab. Bei Vergleichstests landet es hinter offenen Modellen von chinesischen Firmen wie Zhipu oder Moonshot. Murati und ihr Team räumen das auch offen ein. Das ist bemerkenswert transparent für eine Firma mit einer Bewertung von zwölf Milliarden Dollar.
Inkling ist offenbar nicht darauf optimiert, in Rankings besonders gut abzuschneiden. Murati hat es zusammen mit der Plattform Tinker veröffentlicht. Diese soll es Firmenkunden ermöglichen, das Modell einfach an ihre Bedürfnisse anzupassen. Denn für Geschäftskunden – vor allem aus Europa – zählen oft die Kontrolle und Verlässlichkeit mehr, als ein paar Prozentpunkte mehr bei einem Vergleichstest.
Und Murati kann damit punkten, dass ihre Firma in San Francisco und nicht in Peking, Hangzhou oder Shenzhen sitzt. Dazu passt, dass der US-Chipkonzern Intel gerade fünf Milliarden Dollar in Irland investiert, wie mein Kollege Joachim Hofer recherchiert hat.
Die Entwicklung von Inkling erzählt jedoch eine andere Geschichte. Die Architektur orientiert sich am Modell Deepseek V3. Und für das Training wurden Daten vom chinesischen Modell Kimi K 2.5 von Moonshot AI verwendet. Inkling dürfte also deutlich „chinesischer“ sein als auf den ersten Blick offensichtlich.
Mira Murati: Die ehemalige Technologiechefin von OpenAI ist die Gründerin von Thinking Machines Lab. (Foto: AFP/Getty Images)
Als Deepseek Anfang 2025 die KI-Welt aufschreckte, reagierte OpenAI. Sam Altman warf der Firma aus Hangzhou vor, amerikanische Modelle destilliert – also deren Ausgaben zum Training eigener Systeme – genutzt zu haben. Aus „Lernen von verfügbaren Modellen“ wurde in der US-amerikanischen Diskussion „Raub amerikanischen Wissens“.
Was Muratis Team jetzt macht, ist technisch ähnlich. In den USA gibt es dafür jedoch kaum Kritik. Stattdessen heißt es: clevere Ingenieurskunst.
Für Firmen in Europa ist Inkling eine gute Nachricht. Aus zwei Gründen: Erstens: Die Landschaft offener Modelle wird breiter. Europäische Unternehmen können freier zwischen Angeboten aus China, den USA und auch aus Europa wählen.
Zweitens: Die vermeintliche Übermacht von OpenAI und Anthropic wird entkräftet. Die Frau, die OpenAIs Technik und Geheimnisse so gut kennt wie Sam Altman wählt für ihr eigenes Unternehmen eine an China angelehnte Architektur. Das ist ein Urteil. Und es fällt für OpenAI nicht gut aus.
Murati hatte freie Wahl. Sie hatte das Fachwissen, sie hatte Geld, sie hatte Zugang zu den stärksten KI-Chips. Und sie wählte einen Ansatz, den chinesische Firmen bereitet hatten. Vielleicht ist der technische Vorsprung der führenden KI-Labore OpenAI und Anthropic doch kleiner als gedacht.
Es wird spannend, wie sich das auf die Börsengänge der beiden Firmen auswirken wird. Ich werde jedenfalls die Prospekte intensiv lesen, sobald OpenAI und Anthropic sie vorlegen. Denn sie dürften einen Einblick geben, den es bislang nicht gibt.
Lina Knees ist Handelsblatt-KI-Reporterin und Daten-Journalistin. (Optik: Michel Becker)
Neuroplastizität. Viele Firmen sehen KI als legitimen Ersatz für Akademiker. Das fand eine Studie des Ifo-Instituts heraus. Was ist eine akademische Bildung in Zeiten von KI dann noch wert? Ich möchte diese Woche eine Lanze für das Lernen brechen. Denn wenn wir das Lernen nicht lernen, werden wir zukünftig auch nicht mit KI umgehen können.
Was dahintersteckt: In meiner Recherche diese Woche habe ich mich mit dem Wert eines Studiums am Arbeitsmarkt beschäftigt. Aber ich wollte auch wissen, was für einen persönlichen Wert ein Studium, eine Ausbildung oder auch eine intensive Fortbildungsphase hat.
Der Entwicklungspsychologe Ulman Lindenberger gab mir darauf diese Antwort: „Das hängt davon ab, wie sehr uns das Lernmaterial herausfordert.“ Übersteigt die Lernanforderungen das vorhandene Wissen, kann das Gehirn seine Struktur verändern, um sich neues Wissen anzueignen. „Erfahrungsabhängige Plastizität“ nennt Lindenberger das.
Diese Plastizität oder auch Formbarkeit sorgt dafür, dass wir unser Gehirn trainieren können. Und das ist in jungen Jahren besonders wichtig. „Eine akademische Ausbildung lehrt einem Abstraktionsfähigkeit. Sie lehrt einem Lernfähigkeit und Selbstorganisation“, sagte mir auch Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Das sei wichtig in einer Welt, in der der Arbeitsmarkt immer schneller von neuen Technologien disruptiert werde.
Der kluge Umgang mit KI erfordert Fähigkeiten wie schlussfolgerndes Denken und Merkfähigkeit, Fähigkeiten, die kritisches Urteilsvermögen ermöglichen, sagte mir Entwicklungspsychologe Lindenberger weiter. „Die Entwicklung dieser Fähigkeiten in Kindheit und Jugend ist ohne die Aneignung von Wissen undenkbar“, sagt er. Das heißt: Der junge Kopf muss sich mit etwas beschäftigen. Nur womit?
Die Frage, was genau junge Menschen heute noch studieren sollten, höre ich immer wieder in Diskussionen auf der Bühne. Johannes Kopf, Vorsitzender des Vorstands der öffentlichen Arbeitsvermittlung in Österreich, gab darauf in der Vorwoche auf einer Entwicklerkonferenz diese Antwort: „Lernt, was immer ihr wollt, aber lernt! Macht euren Abschluss und bleibt dran.“
In der Rubrik „Linas Labor“ stellt KI-Reporterin Lina Knees wöchentlich einen zentralen Begriff, eine wegweisende Studie oder ein neues KI-Werkzeug vor.
Was Sie sonst noch wissen sollten
Rekordchip von Cerebras, Co-Gründer Fricker: Ein einziger Halbleiter statt Tausender Bauelemente auf einer Scheibe. (Foto: PR [M])
Cerebras wächst mit tellergroßen KI-Chips rasant, doch die Börse zweifelt an der Wette gegen Nvidia. Das Unternehmen meldete 92 Prozent Umsatzplus im Kerngeschäft und einen Auftragsbestand von 25 Milliarden Dollar. Gleichzeitig belasteten schwächere Margen, Großkundenrisiken und Nvidias Softwaremacht die Aktie. Meine Kollegen Philipp Alvares de Souza Soares und Joachim Hofer beschreiben, warum Cerebras trotz „unersättlicher Nachfrage“ noch beweisen muss, dass seine Inferenz-Chips den KI-Markt verändern.
Apple verklagt OpenAI wegen mutmaßlichen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen für eigene KI-Hardware. Der Konzern wirft OpenAI, Hardwarechef Tang Tan und Ingenieur Chang Liu vor, vertrauliche Apple-Informationen genutzt zu haben. Der Streit trifft OpenAI kurz vor dem geplanten Börsengang und belastet eine frühere KI-Allianz rund um Siri und ChatGPT. Meine Kollegen Philipp Alvares de Souza Soares und Felix Holtermann haben recherchiert,warum es dabei auch um die Zukunft des Smartphones geht.
Ex-Schwarz-Co-Chef Schumann: Er hat das Unternehmen mit sofortiger Wirkung verlassen. (Foto: Schwarz Corporate Affairs)
Schwarz Digits verliert überraschend Co-Chef Rolf Schumann und beendet damit die Doppelspitze. Christian Müller übernimmt die Gesamtverantwortung für die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, die sich als europäische Cloud-Alternative zu AWS, Microsoft und Google positioniert. Der Wechsel kommt, während Schwarz Digits hohe Investitionen rechtfertigen muss und sich im externen Geschäft offenbar schwertut. Meine Kolleginnen Luisa Bomke und Anja Müller sowie mein Kollege Christof Kerkmann beschreiben,
welche Rolle digitale Souveränität, Aleph Alpha und Milliardeninvestitionen dabei spielen.
IBM verfehlt wegen verschobener IT-Budgets die Erwartungen und löst einen Ausverkauf bei Softwareaktien aus. Der Konzern erzielte 17,2 Milliarden Dollar Umsatz, rund 700 Millionen Dollar weniger als erwartet; die Aktie fiel zum Handelsstart um knapp 25 Prozent. IBM-Chef Arvind Krishna verweist auf knappe Server- und Speichersysteme, weil Unternehmen massiv in KI-Rechenzentren investieren. Mein Kollege Christof Kerkmann hat aufgeschrieben, warum die Speicherkrise nun auch Cloud- und Softwareanbieter wie SAP, Salesforce und Workday belastet.
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Larissa Holzki spricht bei Handelsblatt Disrupt mit Ex-GitHub-Chef Thomas Dohmke. (Foto: dpa Picture Alliance [M])
In der Entwicklerszene ist Thomas Dohmke ein Super-Promi: Fast vier Jahre war er Chef von GitHub – der größten und wichtigsten Plattform für Entwickler im Internet. Doch vor knapp einem Jahr hat er die Microsoft-Tochter verlassen, um mit einem eigenen Start-up von vorn anzufangen.
Warum das wichtig ist? Github ist der zentrale Ort im Internet, an dem Entwickler ihre Projekte speichern und bearbeiten. Und das sehen manche zunehmend als Risiko: Einerseits haben immer mehr Unternehmen Bedenken, ihre Daten in den USA zu speichern. Andererseits kommt Github offenbar kaum damit zurecht, dass neben den Entwicklern jetzt noch unzählige autonome KI-Agenten die Plattform nutzen wollen. Und Dohmke will jetzt mit Entire eine Alternative schaffen, die für die neue Ära gemacht ist.
Bei der Entwicklerkonferenz WeAreDevelopers in Berlin hat Podcast-Host Larissa Holzki den Unternehmer gefragt, warum KI-Agenten für etablierte Plattformen ein Problem darstellen. Sie wollte wissen, warum Dohmke die Entwicklerplattform für das KI-Zeitalter nicht direkt bei Microsoft gebaut hat. Und sie hat mit dem Entire-Chef darüber diskutiert, was passiert, wenn man die Softwareentwicklung künftig ganz den automatisierten Systemen überlässt. „Dann“, sagt er, „verbrennt der Agent das Budget.“ Hören Sie rein!
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Wie sich KI sicherer betreiben lässt. Und wie Firmen die Abhängigkeit von China reduzieren, beschreibt der britische „Economist“. (Economist)
Wie KI Softwareentwicklung verändert. In einem umfassenden Feature beschreibt das Magazin „Businessweek“ die Auswirkungen auf Programmierer, Firmen und Kunden. (Businessweek)
Deepmind-Chef Demis Hassabis veröffentlicht Plan für Umgang mit Hochleistungs-KI. Sein Essay findet Zuspruch auch bei der Konkurrenz. (Demis Hassabis auf X)
Wie Chinas KI-Firmen zu den USA aufschließen. Der KI-Reporter der „New York Times“, Cade Metz, beschreibt, wie US-Firmen mit Blick auf ihre Rivalen aus China immer nervöser werden. (NYTimes)
Chinesisches Start-up lässt Hirnchip implantieren. Die Firma Neuracle Medical Technology sieht sich im Wettrennen mit Neuralink von Elon Musk. (South China Morning Post)
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