Was die Systeme von Meta und OpenAI können | Wie KI unser Denken verändert | Digitalchef von Ikea im Interview
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Donnerstag, 01.10.2026
Stephan Scheuer
Lesezeit: 11 Minuten
Wenn Sie nur wenig Zeit haben,
liebe Leserinnen und Leser,
dann gibt es dafür eine einfache Lösung. Das behaupten zumindest die Chefs der Tech-Konzerne Meta und OpenAI. Mark Zuckerberg hat einen Assistenten auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) vorgestellt, der den Namen „Muse“ trägt und unseren Alltag steuern soll. Sam Altman ist nachgezogen mit einem ähnlichen System mit dem Namen „Dots“. Beide kommen in verspielter Plüschoptik. Und trotzdem traue ich keinem von beiden.
KI-Illustration „Muse“ und „Dots“ umzingeln Roboter: Neue Systeme werfen Fragen bei Vertrauen und Kontrolle auf. (Foto: Stephan Scheuer / GPT Image 2)
Meta und OpenAI wollen, dass wir möglichst viel von unserem digitalen Leben mit diesen Systemen verbinden. Denn je mehr Zugriff sie haben, desto nützlichere Dinge können sie für uns erledigen: E-Mails sortieren, Reisen buchen, Einkäufe abwickeln. Was die Systeme konkret können und wie sie sich unterscheiden, hat meine Kollegin Lina Knees hier aufgeschrieben.
Sam Altman präsentiert „Dots“ in San Francisco: KI-Assistenten sollen den Alltag regeln. (Foto: Getty UImages via AFP)
Von der Technologie der Systeme bin ich begeistert. Und ich finde die Vorstellung verlockend, mehr von meinem Leben durch KI optimieren zu lassen. Zu Hause habe ich mir zum Jahresanfang OpenClaw eingerichtet. Bis heute führt mein KI‑Assistent auf Zuruf Aufträge für mich aus und behält das Smart Home im Blick.
Aber Meta und OpenAI vertraue ich nicht ausreichend, um ihnen auch so umfassende Zugriffe zu geben. Mein eigenes System kann ich genau steuern. Jeder Zugriff lässt sich granular auswählen. Das System darf nur das, was es braucht – etwa, um das Internetradio im Wohnzimmer fernzusteuern. Es darf aber nicht mehr, als es unbedingt muss. Heikle Aufgaben laufen über ein lokales KI-System ohne Zugriff auf das Internet. So granular lassen sich Muse und Dots nicht einstellen.
Unter dem Strich geht es um: Vertrauen und Kontrolle. Meinem eigenen System vertraue ich kaum, aber immerhin habe ich weitgehende Kontrolle. Bei Meta und OpenAI habe ich auch wenig Vertrauen, und auch noch wenig Kontrolle.
Selbst einem engen Freund würde ich nicht mein entsperrtes Smartphone geben. Doch etwas Ähnliches wollen Meta und OpenAI von uns, damit ihre Assistenten den vollen Nutzen entfalten können.
Analysten bewerten das anders. Die Investmentbank Bernstein etwa bescheinigt Meta große Chancen. Muse soll demnach neuen Umsatz und Gewinn bringen. Die Aktie schoss nach der Vorstellung vergangene Woche um elf Prozent in die Höhe. OpenAI wiederum dürfte „Dots“ wohl auch bei der Vorbereitung des Börsengangs helfen. Mein Kollege Felix Holtermann war bei beiden Vorstellungen in den USA dabei und
hat sie hier beschrieben.
Vor allem als Vater macht mir die Entwicklung Sorgen. Die KI-Konzerne erzählen uns auf der einen Seite, dass die Systeme so mächtig sind, dass sie sie kaum unter Kontrolle halten können. Gleichzeitig wollen sie uns Produkte verkaufen, in denen KI-Systeme unser ganzes digitales Leben auswerten.
Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft will Meta auch ein Endgerät für Muse auf den Markt bringen. Es erinnert an ein Tamagotchi – dieses virtuelle Haustier aus den 1990er-Jahren – und wirkt, als sei es gerade für Kinder gemacht. Dabei ist Meta kein Konzern, dem ich Verantwortung für den Umgang mit Kindern zutraue.
Mark Zuckerberg mit „Muse Charm“: Tamagotchi-ähnliches Gerät „Muse Charm“ soll zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt kommen. (Foto: Bloomberg)
Ich bin noch immer geschockt, welche Rolle von Zuckerberg unsere Recherche über Sucht als Geschäftsmodell nachzeichnen konnte. Das ist ein Mann mit drei jungen Töchtern, der aber offenbar mit eiskalter Geschäftslogik entscheidet, Systeme herauszubringen, die wohl jungen Mädchen schaden. Die Recherche können Sie hier nachlesen.
Bei „Muse“ und „Dots“ warte ich deswegen ab. Sie sind ohnehin bisher nicht in Europa verfügbar. Meinen KI‑Assistenten zu Hause nutze ich aber gern weiter. Nicht mit blindem Vertrauen, aber mit viel Kontrolle.
Eine inspirierende Lektüre wünscht Ihnen Stephan Scheuer
Co-Teamleiter Technologie
PS: Am nächsten Mittwoch, dem 7. Oktober, veranstalten Handelsblatt und Wirtschaftswoche in Berlin den ersten Deutschland-Gipfel. Der Bundeskanzler und Dax-Chefs, Ökonominnen und Top-Investoren werden dort über Investitionen, Innovation und Transformation des Standorts Deutschland diskutieren. Sie können den Tag in unserem Livestream kostenfrei verfolgen. Mehr dazu finden Sie auf unserer Website, wo Sie auch eine Erinnerung aktivieren können.
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Linas Labor
Lina Knees ist Handelsblatt-KI-Reporterin und Daten-Journalistin. (Optik: Michel Becker)
KI‑Ankereffekt. Wer in einer Gehaltsverhandlung seine Gehaltsvorstellung überzogen hoch ansetzt, bekommt mit höherer Wahrscheinlichkeit mehr Gehalt. Grund dafür ist ein psychologischer Trick namens „Ankereffekt“. Der Betrag wirft einen verbalen Anker, an dem sich das Gespräch ausrichtet.
Derselbe Effekt könnte dafür sorgen, dass KI unser Denken und unsere Meinung beeinflusst.
Was dahintersteckt: Der Ankereffekt ist ein „Cognitive Bias“, also eine mentale Voreingenommenheit, die unser Gehirn nutzt. Die Studien dazu, wie manipulierbar unser Denken wirklich ist, fand ich bisher immer amüsant. Forscher fanden beispielsweise heraus, dass absurde Fragen wie „Ist ein Blauwal durchschnittlich länger oder kürzer als 900 Meter?“ dazu führen, dass Probanden die Länge des Wals deutlich überschätzen.
Das Lachen verging mir allerdings, als ich mich mit Aljoscha Burchardt vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz darüber unterhielt: „Jetzt überleg mal, was es mit unserem Denken macht, wenn ein KI-Chatbot den mentalen Anker auswirft“, sagte er.
KI-Chatbots von Anbietern wie OpenAI und Anthropic sind darauf trainiert, möglichst zufriedenstellende Antworten zu geben. Was als zufriedenstellend gilt, entscheiden die Anbieter. Welche Information zuerst erscheint, ist durch ihre Feinjustierung der Modelle beeinflusst. Offenbar richten sie aber nicht nur die Chatbots, sondern auch unsere Meinungen langsam auf ihre Linie aus – auch wenn das nicht beabsichtigt sein sollte.
Mir wurde diese Woche deshalb noch einmal klar: Der Mensch muss beim Brainstorming und in der Recherche mit KI-Unterstützung selbst der Ankerwerfer sein. Statt „Human-in-the-loop“ ist es wohl sinnvoll, über den „Human-at-the-start“ nachzudenken.
In der Rubrik „Linas Labor“ stellt KI-Reporterin Lina Knees wöchentlich einen zentralen Begriff, eine wegweisende Studie oder ein neues KI-Werkzeug vor.
Was Sie sonst noch wissen sollten
Dario Amodei: Auch nach dem Börsengang sollen die Gründer die Stimmrechtsmehrheit behalten. (Foto: Reuters)
Anthropic weist laut dem vertraulichen Börsenprospekt hohe Verluste aus. Dennoch strebt das KI-Labor eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar an. Laut dem Börsenprospekt, der noch nicht veröffentlicht ist, verlor der Entwickler des KI-Modells Claude im Jahr 2025 netto 42 Milliarden Dollar, operativ waren es 8,1 Milliarden Dollar. Zugleich stieg der Umsatz auf knapp 4,6 Milliarden Dollar, während langfristige Verpflichtungen für Cloud, Chips und Rechenzentren 518 Milliarden Dollar erreichen. Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares und ich zeigen, warum der Prospekt auch brisante Informationen
zu KI-Risiken und Machtstrukturen enthält.
Die KI-Rally an den Börsen könnte auf widersprüchlichen Gewinnschätzungen beruhen. Analysten erwarten im Technologiesektor des US-Leitindexes S&P 500 bis 2028 einen operativen Cashflow von 2,4 Billionen Dollar, sehen bei den Kunden der KI-Anbieter aber keinen vergleichbaren Anstieg. Torsten Slok, Ökonom der Vermögensverwaltung Apollo, warnt deshalb vor einer Billionenlücke zwischen erwarteten Tech-Gewinnen und realer Nachfrage. Mein Kollege Andreas Neuhaus zeigt, warum auch Bain & Company vor überzogenen Erwartungen warnt und welche Folgen das haben könnte.
AMD-Chefin Lisa Su: Die profilierteste Rivalin von Nvidia. (Foto: Reuters)
AMD kauft World Labs für rund 8,2 Milliarden Dollar und stärkt sich im Wettstreit mit Nvidia. Das Start-up um Stanford-Forscherin Fei-Fei Li entwickelt Weltmodelle, die dreidimensionale Umgebungen erzeugen und Robotern helfen sollen, die Welt zu erfassen. Li wechselt als Chefwissenschaftlerin zu AMD und berichtet künftig direkt an Konzernchefin Lisa Su. Meine Kollegen Philipp Alvares de Souza Soares und Felix Holtermann zeigen, warum AMD damit nicht nur Talente gewinnt, sondern auch Einblicke in künftige Chip-Anforderungen.
KI-Risiken könnten aus Sicht von Allianz-Commercial-Chef Thomas Lillelund nicht vollständig versicherbar sein. Er warnt vor sogenannten Kumulrisiken: Wenn viele Unternehmen von wenigen großen KI-Modellen abhängen, wären alle gleichzeitig von einem Ausfall betroffen. Der Finanzdienstleister Allianz Commercial prüft deshalb KI-Schäden in einem eigenen Zentrum und hält eine eigene Versicherungssparte für möglich. Meine Kolleginnen Tami Holderried und Susanne Schier erklären, warum Versicherer nun öffentlich-private Lösungen fordern.
Sebastian Matthes (l.) und Arthur Mensch: Der Handelsblatt-Chefredakteur im Gespräch mit dem Mistral-Chef über Wettbewerbsdruck (Foto: Bits & Pretzels)
Mistral will sein neues Spitzenmodell Large 4 in wenigen Tagen veröffentlichen und damit im KI-Wettbewerb aufholen. Das hat der Chef der französischen KI-Firma, Arthur Mensch, dem Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes auf der Gründermesse „Bits & Pretzels“ erzählt. Large 4 soll KI-Agenten in Unternehmen über Stunden Aufgaben ausführen lassen, ohne den Kontext zu verlieren. Gleichzeitig steht ein geplanter Rahmenvertrag mit Deutschland, Frankreich und SAP offenbar weiter aus. Meine Kollegin Luisa Bomke erklärt, wie Mistral sein Deutschlandgeschäft ausbauen will – und wie es
auf den zuletzt gestiegenen Wettbewerbsdruck reagieren will.
Robinhood lässt US-Kunden erstmals KI-Agenten eigenständig für sie handeln. Die knapp 28 Millionen Nutzer der Broker-App können Agenten erstellen, Modelle von OpenAI oder Anthropic auswählen und künftig über „Loops“ Handelsstrategien automatisch ausführen lassen. Dabei warnen Experten, dass autonome KI-Systeme in Stressphasen die Volatilität verstärken könnten. Meine Kollegin Antonia Mannweiler zeigt, wie Robinhood den KI-Handel massentauglich machen will – und welche Risiken Anleger selbst tragen.
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Larissa Holzki und Parag Parekh, Chief Digital Officer von Ikea Retail. (Foto: PR [M])
Der Mann, der die Digitalisierung beim Möbelhaus Ikea vorantreibt, begann seine Karriere in Indien. Das war vor fast 30 Jahren und in einer Zeit, als das Land sich als IT-Servicedienstleister der Welt etabliert hatte. Heute verantwortet Parag Parekh für den größten Ikea-Händler Ingka Group alles von Daten und KI bis zu Apps und digitalem Produktdesign in 30 Ländern – und Indien ist eins davon.
Warum das wichtig ist? Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt und erlebt ein rasantes Wachstum. Parag Parekh ist der Meinung, die 1,4-Milliarden-Einwohner-Nation habe bei KI vor Europa inzwischen einen Vorsprung.
Für den Podcast „Disrupt“ hat Handelsblatt-Technologie-Reporterin Larissa Holzki den CDO bei der KI-Konferenz HumanX in Amsterdam getroffen. Sie hat gefragt, wie er Innovationen über verschiedene Länder managt, wo er sie am liebsten testet – und wie KI seinen eigenen Job verändert. Ab dem morgigen Freitag finden Sie den Podcast hier. Hören Sie rein.
Sie möchten sich den Podcast Handelsblatt Disrupt auf Ihrer bevorzugten Plattform anhören? Hier entlang zu Spotify und Apple.
Grafik der Woche
Physische KI rückt in den Fokus der Anleger. Roboter lernen durch Beobachtung, reagieren in Echtzeit und könnten Fertigung, Logistik und Gesundheitswesen verändern. Experten raten jedoch, weniger auf einzelne Robotikstars zu setzen, sondern auf Zulieferer für Sensorik, Antriebstechnik, Chips und KI‑Infrastruktur. Mein Kollege Andreas Neuhaus analysiert, welche Regionen und Aktien für Anleger interessant sind.
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Kennen Sie schon...?
Patrick Paesler (l.) und Jan Brachthäuser. (Foto: Unternehmen)
Wer sind Patrik Paesler und Jan Brachthäuser? Sie sind die Gründer des Berliner KI-Start-ups Deepslate. Die Firma entwickelt KI-Modelle, die gesprochene Sprache in Echtzeit verstehen und auch in gesprochener Sprache antworten.
Wo kommen sie her? Paesler und Brachthäuser begannen beide mit elf Jahren zu programmieren und lernten sich über das Spiel Minecraft kennen. Im Dezember 2023 gründeten sie Deepslate, im Februar dieses Jahres veröffentlichten sie ihr erstes Speech-to-Speech-Modell.
Was haben sie vor? Deepslate baut bereits schnellere und günstigere Modelle als namhafte Konkurrenten wie OpenAI und Elevenlabs. Künftig sollen die Modelle noch menschlicher klingen. Dafür setzen die Gründer auf einen eigenen Trainingsansatz und haben jetzt mehrere Millionen Euro eingesammelt.
Chatbot des Handelsblatts: Kompass für die eigene Zukunftsfähigkeit. (Foto: Andrea Rohner [M])
Den Chatbot meiner Kollegen Lina Knees und Ben Mendelson, der die Zukunftsfähigkeit Ihres Berufs testet. Der Druck auf Beschäftigte steigt, ihre KI-Fähigkeiten auszubilden. Seit 2025 hat sich der Anteil der Stellenanzeigen mit KI-Anforderungen laut Daten der Jobplattform Indeed verdoppelt. Mit diesem Chatbot können Sie testen, wie sicher Ihr aktueller Beruf ist. Zusätzlich gibt Ihnen die Expertin für Personalbildung, Jutta Rump, Tipps, wie Sie sich weiterbilden sollten, um auf die KI-Transformation am Arbeitsmarkt vorbereitet zu sein.
Das war das KI-Briefing Nummer 156.
Mitarbeit: Luisa Bomke, Lina Knees, Hendrik Wünsche (Grafik) und Katrin Schmelting (Produktion).
Die Text-Zusammenfassungen in diesem Briefing wurden mithilfe von KI erstellt und von uns als Autoren geprüft.
Vielen Dank für das Lesen unserer heutigen Ausgabe!
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