KI-Klone für Photoshop und PowerPoint | KI‑Bevormundung beim Einkauf | BMW und "Mr. Flexibility"
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Donnerstag, 15.10.2026
Stephan Scheuer
Lesezeit: 11 Minuten
Wenn Sie nur wenig Zeit haben,
liebe Leserinnen und Leser,
dann hilft ein Blick auf die Softwarebranche. Wir sind an einem Kipppunkt. Aber ganz anders, als die Untergangspropheten uns zum Jahresanfang mit der „SaaSocalypse“ vorhergesagt haben. Damals hieß es, auch Großkonzerne wie SAP und Salesforce würden bald durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzt. Heute sehen wir: SAP hat sich erholt. Dafür gibt es jetzt KI-Klone von Photoshop, Powerpoint und Xbox-Spielen.
KI-Illustration: Künstliche Intelligenz kann Programme nachbauen und umschreiben. (Optik: Stephan Scheuer / GPT Image 2.5)
Warum das wichtig ist: Das gesamte Geschäft in der Softwarebranche ändert sich. Eine Applikation für Bildbearbeitung oder Texterstellung kann jeder halbwegs fortgeschrittene Nutzer von Claude oder ChatGPT schnell erstellen. Der Wert einer reinen Anwendung sinkt massiv. Er liegt nunmehr in der dauerhaften Pflege, der Anbindung von Zusatzfunktionen und dem Ökosystem von erweiterten Diensten.
Aber dieses Versprechen steht so stark unter Druck wie noch nie. Brandon Thomas, ein Programmierer aus Atlanta in den USA, war ein langjähriger, aber zunehmend frustrierter Kunde des Softwarehauses Adobe. Mit Photoshop und Premiere gilt die Firma als zentraler Partner der Kreativbranche. Kritik am Abomodell von Adobe gibt es aber auch seit vielen Jahren.
Thomas wurde das zu viel, und so baute er mit KI kurzerhand die Software von Adobe nach, wie er es selbst beschreibt. Photoshop ist „Photocraft“, Premiere ist „Filmcraft“. Insgesamt entstanden so zunächst sieben Programme. Sie liefern nicht den gleichen Funktionsumfang wie die Originale. Dafür sind sie kostenlos und von Anfang an auf den Einsatz von KI-Systemen optimiert. Thomas’ Programme lassen sich quasi per ChatGPT oder Claude fernsteuern.
Auf eine Handelsblatt-Anfrage reagierte Thomas nicht. Ein Adobe-Sprecher sagte, das Unternehmen wolle sich derzeit nicht zu dem Fall äußern.
Mittlerweile hat Thomas mit seiner Firma Artcraft weit mehr Programme nachgebaut. „Deckcraft“ soll Powerpoint ersetzen und „Wordcraft“ Microsoft Word.
Es ist nicht neu, dass Programme als Vorlage für Nachahmer dienen. Das Konzept dahinter nennt sich „Reverse Engineering“ – und wird etwa im Maschinenbau seit vielen Jahren umgesetzt. Neu ist, wie schnell und leistungsfähig KI im Nachbau ist. Die Veränderungen habe ich in dieser Analyse zusammen mit meinem Kollegen Christof Kerkmann nachgezeichnet.
Spannend ist dabei auch der rechtliche Aspekt. Weil Artcraft wohl keinen Quellcode kopiert, hat die Firma womöglich auch keine Rechte verletzt. Photocraft-Macher Thomas spricht davon, seine Software imitiere Funktionen, ohne sie zu kopieren.
Nachdem auch viele Programme für die Spielekonsole Xbox von Fans angepasst und frisiert wurden, zieht auch Microsoft Konsequenzen. Xbox-Chefin Asha Sharma reagierte nicht mit Kritik, sondern mit Lob: „Das sind unbestreitbar gute Resultate für Spieler, selbst wenn (und manchmal weil) sie unser Geschäftsmodell infrage stellen.“ Sharma kündigte den Aufbau einer Geschäftseinheit an: Xbox Labs. Ziel dieser Einheit sei es, von den Programmierexperimenten der Kunden zu lernen, statt sie zu bekämpfen.
In einem Blogpost schrieb Sharma: „Wir werden offen entwickeln, aus den Erfahrungen anderer lernen und den Erfolg daran messen, ob mehr Menschen mitspielen und selbst etwas gestalten.“ Das ist nicht weniger als eine radikale Umstellung des Geschäftsmodells. Und vermutlich die beste Strategie für die neue Softwarewelt.
Eine inspirierende Lektüre wünscht Ihnen Stephan Scheuer
Co-Teamleiter Technologie
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Linas Labor
Lina Knees ist Handelsblatt-KI-Reporterin und Daten-Journalistin. (Optik: Michel Becker)
KI‑Bevormundung. KI-Agenten könnten ihren Nutzern beim Onlineshopping die preisgünstigsten Angebote vorenthalten. Das fand eine Studie der Cisco AI Foundation und der Carnegie-Universität heraus. KI-Agenten empfehlen demnach eher basierend auf den Annahmen, die sie über uns ableiten, statt auf das zu hören, was wir ihnen sagen.
Was dahintersteckt: Die Autoren der genannten Studie untersuchten, welche Produktvorschläge Modelle von Anbietern wie OpenAI, Anthropic, Google und Alibaba geben, wenn sie zusätzlich Zugang zum E‑Mail-Postfach der Person haben. Die KI-Modelle schlossen von den Nachrichten im Postfach auf die finanziellen Mittel der Person und passten ihre Empfehlungen danach an.
Deuteten die Nachrichten auf viele Rücklagen hin, schlugen sie etwa teurere Flüge, Krankenversicherungen oder Studiengänge mit höheren Gebühren vor – und das auch, wenn explizit nach günstigen Angeboten gefragt wurde.
KI verspricht, das Einkaufen zu personalisieren und Produktempfehlungen besser unseren Bedürfnissen anzupassen. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass ein KI-Modell jede Information, die es für relevant hält und nicht von uns bekommt, durch Kontext ergänzt. Gaben die Studienautoren den Modellen klare Budgetgrenzen vor, statt nur nach „dem günstigsten“ Angebot zu suchen, soll die Verzerrung hin zu teureren Angeboten verschwinden – bei allen Modellen außer Gemini 2.5 Flash von Google.
Das Gutachten durch weitere Forscher steht bei dieser Studie noch aus. Doch eine Studie der Carnegie-Universität aus dem Vorjahr, die in „Findings of the Association for Computational Linguistics“ veröffentlicht wurde, zeigt, dass KI-Modelle ihre Antworten auch an subtilere Merkmale anpassen. Zum Beispiel, welche Hautfarbe des Nutzers sie annehmen – das beeinflusste laut der Studie, welche Universität sie empfahlen.
Bevor ich also anfange, jedes erdenkliche Stereotyp oder jede Annahme wegzuprompten, die ein KI-Modell über mich treffen könnte, scrolle ich bei großen Ausgaben doch lieber wieder durch Google-Links.
In der Rubrik „Linas Labor“ stellt KI-Reporterin Lina Knees wöchentlich einen zentralen Begriff, eine wegweisende Studie oder ein neues KI-Werkzeug vor.
BMW will mit einem KI-basierten Geschäftsmodell Milliarden einsparen. Der Münchener Autobauer will bis 2028 zum „KI-orchestrierten Unternehmen“ werden. Zunächst soll der Einkauf mindestens einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag einsparen. Bei einem jährlichen Einkaufsvolumen von 80 Milliarden Euro denkt Einkaufsvorstand Nicolai Martin in Milliarden. Meine Kollegen Luisa Bomke und Felix Stippler waren im Forschungs- und Innovationszentrum von BMW und zeigen, wie einer der Agenten, Mr. Flexibility, Kapazitätsengpässe bei Batteriezellen aufspürt.
Der US-Konzern Globalfoundries setzt in Dresden auf KI-Chips und erweitert die Fabrik für mehr als eine Milliarde Euro. Das neue Verfahren „FDX Fusion“ fertigt Chips für KI direkt in Autos, Robotern und Maschinen. Konzernchef Tim Breen will die Fabrik bis weit ins nächste Jahrzehnt auslasten. Testchips gehen Anfang 2027 an potenzielle Kunden, die Serienfertigung soll 2028 beginnen. Mein Kollege Joachim Hofer erklärt, wie sich Globalfoundries mit einer europäischen Lieferkette von anderen Chipherstellern abhebt und
warum das Unternehmen im internationalen Wettbewerb nur auf gut drei Prozent Marktanteil kommt.
Innenstadt von San Francisco: „Ein Goldrausch, der Dimensionen erreicht hat, die vorher unvorstellbar waren.“ (Foto: Unsplash, Getty Images)
Der KI-Boom lockt junge Deutsche ins Silicon Valley, dabei würden viele lieber in Europa bleiben. Die Labore OpenAI und Anthropic sogen im ersten Halbjahr 43 Prozent des weltweiten Wagniskapitals auf. Deutsche Start-ups verzeichneten im selben Zeitraum laut EY einen Zufluss von 5,3 Milliarden Euro. Über promovierte Mittzwanziger sagt Gründer Marvin Gabler: „Die gehen alle.“ Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares hat junge Gründer in Palo Alto begleitet, die sieben Tage die Woche arbeiten und im KI-Boom auf das große Geld hoffen.
Apple will bald Geld für seine KI verlangen und bringt dafür das Smart-Home-Display Homeview heraus. Schon jetzt gelten für KI-Funktionen wie Siri AI tägliche Nutzungsgrenzen. Erweiterten Zugang soll es künftig nur gegen eine Gebühr geben. Homeview kostet in den USA 299 Dollar und wird dort ab dem 13. November ausgeliefert. In der EU ist Siri AI derzeit nicht verfügbar, deshalb müssen deutsche Kunden vorerst warten. Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares erklärt, wie Apple mit seiner KI künftig Geld verdienen will.
Trumpfs Robotikchef Ralph Lange: „Wenn der Roboter keinen Kopf braucht, hat er keinen.“ (Foto: imago stock, PR (2) [M] Handelsblatt)
Trumpf macht Roboter mit KI klüger und reagiert damit auf die chinesische Konkurrenz. Der Laserspezialist aus Ditzingen ergänzt seine Blechbearbeitungsmaschinen um KI-gesteuerte Roboter. Die KI erkennt die Lage jedes Blechteils und entscheidet selbst, welches zuerst gegriffen wird. Weil Großkunden aus der Autoindustrie weniger bestellen, gewinnen kleinere Kunden für das Unternehmen an Bedeutung. Mein Kollege Martin Buchenau gewährt exklusive Einblicke in die Entwicklungshalle von Trumpf.
Die Bundesregierung erlässt ein Social-Media-Verbot für unter 13-Jährige – darunter könnten auch KI-Chatbots fallen. Bis die EU ein Mindestalter festlegt, soll eine nationale Übergangsregelung gelten. Für Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren sind abgestufte Nutzungsbeschränkungen vorgesehen. Für Grundschulkinder soll ein „KI-Seepferdchen“ entwickelt und deutschlandweit verbreitet werden. Meine Kollegin Heike Anger erklärt, wie die „EUDI-Wallet“ die Altersprüfung ermöglichen soll.
Jobinterview mit KI-Avatar: Zahlen die Unternehmen am Ende für mehr Effizienz mit ihrer Reputation? (Foto: HB/Flux2)
Drei Viertel der Bewerber brechen KI-Interviews vorzeitig ab, obwohl sich der Auswahlprozess deutlich verkürzt. Die Stanford-Studie untersuchte mehr als 34.000 Bewerbungen für eine Stelle als Junior-Frontend-Engineer. Besonders skeptisch sind deutsche Bewerber: 42 Prozent haben schon einen Prozess wegen eines KI-Interviews abgebrochen. Meine Kollegin Milena Merten hat die KI-Recruiterin „Madita“ im Test erlebt und beschreibt, wann sie wie eine Maschine wirkt.
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Neue Folge von Handelsblatt Disrupt: Larissa Holzki spricht mit Jacomo Corbo, dem Gründer von PhysicsX. (Foto: Bloomberg [M])
Triebwerke, Flugzeugflügel, Gasturbinen: Um solche Bauteile zu designen, müssen Ingenieure heute komplizierte Gleichungen lösen. Damit berechnen sie, wie später im Betrieb Hitze, Strömung und Belastung wirken.
Warum das wichtig ist? Das Start-up PhysicsX aus London sagt die Physik jetzt stattdessen mit KI voraus – und das laut Gründer und CEO Jacomo Corbo je nach Anwendung bis zu eine Million Mal schneller. Investoren bewerten sein Unternehmen mit 2,4 Milliarden Dollar.
Corbo war zuvor Chefstratege im Formel-1-Team von Renault, als Fernando Alonso Weltmeister wurde. Und er hat Quantumblack gegründet, die heutige KI-Sparte von McKinsey. Für die aktuelle Folge von „Handelsblatt Disrupt“ hat Larissa Holzki ihn auf der KI-Konferenz „HumanX“ in Amsterdam getroffen.
Im Podcast sprechen sie über die Arbeit mit sensibelsten Unternehmensdaten, die Vorteile von großen Industriekonglomeraten wie Siemens Energy und die Frage, wie PhysicsX die Industrie verändert. Corbo sagt: „Es geht darum, Ingenieuren Superkräfte zu geben.“
Ab Freitag, 16. Oktober, können Sie den Podcast hier hören.
Sie möchten sich den Podcast Handelsblatt Disrupt auf Ihrer bevorzugten Plattform anhören? Hier entlang zu Spotify und
Apple.
Grafik der Woche
KI-Rechenzentren werden in fünf Jahren etwa um das Neunfache wachsen. Und die jährlichen Ausgaben der Hyperscaler für KI-Rechenzentren könnten 2031 bereits 1,5 Billionen Dollar erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt die amerikanische Strategieberatung Bain. 2026 sollen die Ausgaben von Microsoft, Google, Amazon, Meta und Oracle bereits bei 780 Milliarden Dollar liegen. Das wäre fast das Fünffache der Ausgaben vor drei Jahren.
Künftige Investitionen fließen in immer größere und teurere Projekte. Während sich die leistungsstärksten Zentren heute bereits der Marke von einem Gigawatt Leistung nähern, soll das größte Rechenzentrum, das bis 2030 fertiggestellt sein soll, fast neun Gigawatt an Rechenleistung bringen. Die Daten für die Grafik basieren auf Daten des KI‑Rechercheinstituts Epoch AI und Hochrechnungen von Bain.
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Das sollten Sie ausprobieren
Deepseek, Alibaba, Moonshot AI: Chinesische KI-Entwickler sind auf dem Vormarsch. (Foto: Credits)
Fragen Sie Deepseek, seit wann Xi Jinping Staatschef Chinas ist. Die Antwort bleibt aus, denn das Modell verweigert Themen, die Peking als politisch sensibel einstuft.
Dabei gewinnen chinesische KI-Modelle in Europa rasant an Bedeutung: In Deutschland entfallen mittlerweile 61 Prozent der beobachteten Nutzung über bestimmte Schnittstellen auf sie, vor einem Jahr waren es noch rund 15 Prozent. Mein Kollege Martin Benninghoff zeigt, wo die Grenzen der Modelle liegen und warum ein chinesischer Zugangsstopp Europas KI-Nutzer treffen könnte.
In eigener Sache: Sind Sie bereits Mitglied im KI Circle? Der KI Circle ist ein exklusives Netzwerk für Entscheider:innen, die sich in ihrer Organisation mit der KI-Transformation beschäftigen. Wir bieten Ihnen Austausch mit Unternehmensentscheidern, direkten Zugang zu Expert:innen und exklusive Formate der Handelsblatt-Redaktion. Seien auch Sie dabei und vernetzen Sie sich. Mehr erfahren.
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