Philosophen erobern das Silicon Valley | Ansteckende Krankheiten bei KI-Agenten | China im Börsenrausch
Falls Sie unsere E-Mail nicht oder nur teilweise lesen können, klicken Sie bitte hier.
Freitag, 21.08.2026
Luisa Bomke
Lesezeit: 9 Minuten
Wenn Sie nur wenig Zeit haben,
liebe Leserinnen und Leser,
dann sollten Sie an diesem Wochenende über Immanuel Kant nachdenken. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, forderte einer der bedeutendsten deutschen Denker der Aufklärung.
Im KI-Zeitalter gewinnt dieser Leitsatz wieder an Bedeutung. KI kann als Gedankenstütze oder kreativer Motor dienen. Denken und Entscheiden sollte der Mensch ihr jedoch nicht überlassen. Doch genau das scheinen viele Menschen derzeit aus Bequemlichkeit an Künstliche Intelligenz abzutreten.
Immanuel „KAInt“: Braucht Verstand, wer verantwortlich entscheiden will? (Optik: Luisa Bomke / GPT Image 2)
Warum das wichtig ist: Immer leistungsfähigere Modelle können immer mehr Aufgaben eigenständig übernehmen. Ihnen werden mittlerweile sogar komplexe Geschäftsentscheidungen übertragen. Das spart Zeit, birgt aber Risiken. Denn wer Entscheidungen nicht mehr trifft, denkt auch seltener über sie nach.
Welche Risiken das konkret birgt, zeigen Sicherheitsvorfälle bei großen KI-Firmen wie OpenAI. Bei der ChatGPT-Entwicklerfirma haben sich KI-Modelle während eines Sicherheitstests Zugang zum Internet verschafft und die KI-Plattform Hugging Face gehackt. Die Modelle sollten besonders komplexe Cyberangriffe simulieren – und nahmen diesen Befehl offenbar zu ernst.
Bei komplexen Entscheidungen fehlt Maschinen jenes kritische Denken. Doch die Fähigkeit ist essenziell, um abzuwägen und zu erkennen, wann eine Grenze überschritten wird.
Kritisches Denken ist keine Fähigkeit, die man einmal erwirbt und dann für immer besitzt. Es muss trainiert werden wie ein Muskel. Wer Entscheidungen an Technologie delegiert, trainiert ihn seltener. Ob Menschen das kritische Denken dadurch tatsächlich verlernen, bleibt offen, doch gibt es Hinweise darauf.
In Dänemark zeigt sich das Problem im Schulalltag. Das Land gilt als Vorreiter bei der Digitalisierung seiner Schulen. Tablets und Laptops gehören dort seit Jahren zum Unterricht. Doch immer mehr Schüler erledigten zuletzt Hausaufgaben und Hausarbeiten mit KI und prüften die Ergebnisse anschließend nicht mehr kritisch.
Verlernen wir Menschen durch den Einsatz von Technologien das kritische Denken? (Foto: Getty Images [M])
Auch bei OpenAI hat ein Umdenken eingesetzt: Ausgerechnet die ChatGPT-Entwicklerfirma, die bisher immer schneller immer leistungsfähigere Modelle veröffentlichen wollte, hat nun angekündigt, das Training ihrer Modelle zu verlangsamen. So wolle die Firma die Risiken der Technologie begrenzen.
Laut OpenAI liege das Thema KI-Ethik aber nicht nur in den Händen einer einzelnen Person, stattdessen seien „ethische Überlegungen tief in den Modellentwicklungsprozess eingebettet“.
Und OpenAI ist nicht die einzige KI-Firma, die sich mit ethischen Fragen beschäftigt. Anthropic hat Ende Januar sein neuestes firmeninternes Manifest veröffentlicht, verfasst von der unternehmenseigenen Philosophin Amanda Askell. Der Beruf wird immer gefragter. Laut Daten der Federal Reserve Bank of New York sind Philosophieabsolventen derzeit gefragter als Informatiker.
Amanda Askell: Die Philosophin arbeitet für den KI-Konzern Anthropic und hat ein firmeninternes Manifest geschrieben. (Foto: Bloomberg)
Vor allem KI-Unternehmen stellen die Absolventen ein. Dort sollen sie die moralischen Grenzen für die Leistungsfähigkeit der Technologie abstecken und einen Verhaltenskodex für die Modelle entwickeln.
Auch in Europa wächst das Interesse, wie meine Kolleginnen Lara Dehari, Josefine Fokuhl und ich in Gesprächen mit KI-Firmen erfahren haben. Der Philosoph Marcel Ohrenschall sagte im Handelsblatt-Gespräch, mit der Einführung von ChatGPT habe sich das verändert: „Plötzlich haben Fragen über das Denken, Wahrheit und Lüge eine andere Relevanz bekommen.“ KI konfrontiere den Menschen automatisch mit philosophischen Fragen.
Vielleicht schaffen es Philosophen wie Marcel Ohrenschall oder Amanda Askell, dass KI-Systeme künftig so entwickelt werden, dass wir Menschen den Mut nicht verlieren, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen.
Was dahintersteckt: Dies ist bereits die dritte Woche, in der ich in dieser Kolumne über eine Idee oder ein Papier vom KI-Anbieter Anthropic schreibe. Kaum überraschend: Anthropic gibt sich aktuell größte Mühe, auf mögliche Risiken der KI-Agenten-Ära hinzuweisen – und bläst diese womöglich unnötig auf. Aber dazu gleich mehr.
Die Studie handelt vom sogenannten Mind Virus, einer, nennen wir es, Gedankeninfektion, die sich in einem System von KI-Agenten ausbreiten kann.
Ein Mind Virus ist viel simpler als ein Computervirus. Denn er besteht nur aus einer gut ausformulierten Idee, einer Ideologie, die dem Agenten zusätzlich zum eigentlichen Befehl mitgegeben wird. Laut den Autoren der Studie könnte es sich dabei um alles handeln: vom Grundsatz, jede Handlung am Schutz der Wale auszurichten, bis hin zur Dominanz von Maschinen über den Menschen.
Ein infizierter Agent gibt dieses höhere Ziel an seinen Kollegen weiter, indem er neue Befehle schreibt oder Dateien mit Instruktionen verändert. So beeinflusst er schrittweise das Verhalten eines Agententeams, das fortan eben dieses Ziel erreichen will.
Die Autoren beobachteten, wie die von ihnen infizierten Agenten andere Agenten davon überzeugten, Dateien zu löschen, Programmieraufgaben abzubrechen, um den Virus weiterzuverbreiten, und durch Täuschung versuchten, ihren digital abgesperrten Sicherheitsbereich zu verlassen. All das geschah jedoch in einem, laut den Forschern, abgesicherten Bereich als Experiment.
So drastisch die beschriebenen Folgen klingen – und auf 70 Seiten ausformuliert werden –, so einfach ist laut den Autoren die Prävention. Das System braucht nur eine hinterlegte Instruktion, dass schädliche Ideologien existieren und nicht befolgt werden sollen. Das klingt für mich eher wie ein lang ausformulierter Prompting-Tipp.
Die doch sehr banale Lösung einer „Mach-das-nicht“-Regel erscheint mir fast zu simpel, um wahr zu sein. In den vergangenen Wochen häuften sich Berichte über Ausbrüche von KI-Agenten aus ihren Sicherheitsumgebungen. Der Angriff des OpenAI-Agenten auf Hugging Face ist laut Experten wohl nur das prominenteste unter vielen Beispielen. Ob gut formulierte Agenten-Vorgaben verschiedene Arten von Ausbrüchen künftig verhindern könnten? Zumindest fraglich.
In der Rubrik „Linas Labor“ stellt KI-Reporterin Lina Knees wöchentlich einen zentralen Begriff, eine wegweisende Studie oder ein neues KI-Werkzeug vor.
Was Sie sonst noch wissen sollten
Börsenboom in China: Staatlich gesteuert. (Foto: PR, Picture Alliance [M])
Chinas KI-Hoffnung Unitree ist mit einem Kursplus von zeitweise 630 Prozent an der Börse gestartet. Der Roboterhersteller gilt als Vorreiter für „embodied AI“, also KI in humanoiden Robotern. Die chinesische Regierung lenkt Kapital gezielt in strategische Technologiefelder wie Robotik, während der Zugang zum US-Kapitalmarkt für chinesische Firmen faktisch versperrt bleibt. Mein Kollege Martin Benninghoff analysiert, was wirklich hinter Chinas Tech-IPOs steckt und wie riskant der Boom ist.
Dash0 kauft das Start-up Polar Signals und erweitert damit seine Software zur Kontrolle von KI-Anwendungen. Die neue Technik zeigt, wo Programme im laufenden Betrieb besonders viel Rechenleistung und Speicher verbrauchen. Gründer Mirko Novakovic sagt, Dash0 sei in diesem Jahr bereits um das Fünffache gewachsen. Weitere Übernahmen sollen folgen, im kommenden Jahr will das Unternehmen seinen Umsatz mindestens verdreifachen. Meine Kollegin Nadine Schimroszik zeigt, wie Dash0 gegen starke US-Konkurrenten bestehen will.
Einhörner Celonis, Quantum Systems, Getyourguide: Mehr Geld für Tokens. (Foto: Celonis, Quantum-Systems, Get Your Guide [M])
Deutschlands Einhörner geben wegen des breiteren KI-Einsatzes immer mehr Geld für Tokens aus. Bei 1Komma5 Grad hat sich die monatliche Tokenzahl seit März mehr als vervierfacht, bei Choco stiegen die KI-Ausgaben binnen zwölf Monaten um das Zehnfache. Viele Start-ups steuern nun strenger über Budgets, Modell-Gateways und neue Kennzahlen wie den „Return on AI“. Zugleich wächst die Sorge vor Abhängigkeiten von US-Modellen und möglichen Lieferkettenrisiken. Meine Kollegin Nadine Schimroszik zeigt, wie Deutschlands Milliarden-Start-ups die KI-Kostenexplosion managen und
warum Open-Source-Modelle bisher kaum eine Rolle spielen.
Der französische Cloud-Anbieter OVH drängt mit souveränen Cloud- und KI-Diensten stärker in deutsche Behörden. Nach einem Auftrag des Auswärtigen Amts will OVH bis 2027 drei Rechenzentren in Berlin eröffnen und den Vertrieb im öffentlichen Sektor ausbauen. Der Markt wächst, weil Regierungen und regulierte Branchen sensible Daten unabhängiger von US-Hyperscalern verarbeiten wollen. OVH konkurriert mit Schwarz Digits, Ionos und Telekom, die ebenfalls auf europäische Datensouveränität setzen. Meine Kollegen Josefine Fokuhl und Christof Kerkmann zeigen, warum der KI-Boom Europas Cloud-Anbieter unter Investitionsdruck setzt –
und wie erfolgreich OVH bislang ist.
„Kleinstunternehmen könnten die größten Gewinner der KI-Revolution werden“, sagt Digitalberater Marcus Diekmann. Tatsächlich automatisiert bereits jedes dritte Kleinstunternehmen Prozesse mit KI. Laut einer exklusiven Lexware-Umfrage stieg der Anteil seit September 2025 von 16 auf 34 Prozent. 64 Prozent nutzen KI mehrmals pro Woche. Das ist volkswirtschaftlich relevant: Kleinstunternehmen stellen 85 Prozent aller Betriebe in Deutschland. Mein Kollege Florian Kolf zeigt, wie Bäcker, Designerinnen und Gründer KI einsetzen und wo die Grenzen liegen.
Menschliche und KI-Kompetenzen: Führungskräfte sollten beides beherrschen. (Foto: Getty Images)
Je höher die Führungsposition, desto stärker prüfen Headhunter heute KI-Kompetenz. Der Druck wächst: 2025 gab es 14,3 Prozent mehr arbeitslose Führungskräfte, zugleich kann KI laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bis zu 67 Prozent des Jobprofils ersetzen. Bernhard Stieger von Spencer Stuart nutzt zur Prüfung der KI-Kompetenzen einen Fragenkatalog, den er dem Handelsblatt exklusiv vorgelegt hat. Meine Kollegin Annika Keilen zeigt, welche Fragen Bewerber bestehen müssen – und welche Antworten Headhunter misstrauisch machen.
Unser Angebot für Sie
Bleiben lohnt sich – sparen Sie jetzt 50 %
Wir vermissen Sie als Leser und möchten Ihnen erneut unseren hochwertigen Journalismus anbieten. Nutzen Sie unser exklusives Angebot und sparen Sie 50 %.
Erhalten Sie weiterhin rund um die Uhr fundierte Einblicke in Politik, Wirtschaft, Technologie und die Finanzwelt. Mit unserem unabhängigen Qualitätsjournalismus bleiben Sie bestens informiert und sichern sich einen persönlichen Wissensvorsprung.
Mehr als eine Milliarde Euro hat SAP auf den Tisch gelegt, um diese Firma zu kaufen und weiter zu finanzieren: Prior Labs, ein zwei Jahre altes Start-up aus Freiburg, das bisher außerhalb von Expertenkreisen kaum jemand kennt.
Warum das wichtig ist? Prior Labs zählt zur Weltspitze bei KI, die tabellarische Daten verarbeiten kann. Dazu muss man wissen: Die allermeisten Daten in Unternehmen liegen in Tabellen vor. Und dieser Datenschatz war von der KI-Revolution bisher fast unberührt.
In dieser Folge von Handelsblatt Disrupt spricht Larissa Holzki mit Prior-Labs-Mitgründer und -Technologiechef Noah Hollmann über den Deal seines Lebens. Es geht um das Potenzial der neuen Modelle, um Bewerber aus dem Silicon Valley – und um die Skepsis, die seinem Team lange entgegenschlug. Hollmann sagt: „KI für Tabellen? Galt als so unmöglich wie Sandalen mit Socken!“
Sie möchten sich den Podcast Handelsblatt Disrupt auf Ihrer bevorzugten Plattform anhören? Hier entlang zu Spotify und Apple.
Grafik der Woche
Die US-Investoren sind zurück. 2021 war ein absolutes Rekordjahr für die europäische Start-up-Szene. Noch nie zuvor floss so viel Geld in europäische Start-ups. Doch schon im Folgejahr blieben die großen Investitionen wieder aus. Ein Grund: Es floss weniger Kapital aus den USA. Vor allem US-Investoren beteiligen sich mit großen Summen an Finanzierungsrunden.
2026 könnte nun ein neues Rekordjahr werden. Laut Daten der Plattformen Dealroom und Pitchbook floss bis August bereits so viel Geld aus den USA in europäische Start-ups wie im gesamten Jahr 2025. Laut Orla Browne von Dealroom und Jannis Gilde vom deutschen Start-up-Verband liegt das vor allem am KI-Boom, der jetzt auch in der deutschen Start-up-Szene spürbar ist. Welche Start-ups und Branchen US-Investoren dabei besonders im Blick haben, können Sie in der Analyse meiner Kollegin Lina Knees nachlesen.
Anzeige
Kennen Sie schon ...?
Bastian Maiworm, Philipp Reißel, Igli Manaj: Die Gründer von Amber. (Foto: PR)
Wer ist Amber? Das KI-Start-up entwickelt einen Index für Unternehmensdaten. Dieser strukturiert Informationen aus Mails, Vorgängen und verschiedenen Systemen so, dass Sprachmodelle Zusammenhänge erkennen und belastbarere Antworten liefern können.
Wo kommt Amber her? Amber wurde 2021 in Aachen von Bastian Maiworm, Philipp Reißel und Igli Manaj gegründet. Die drei Gründer haben sich im Studium an der RWTH Aachen kennengelernt.
Was hat Amber vor? Amber will seine KI-Datenschicht ausbauen und die Lücke beim KI-Einsatz zwischen großen Konzernen und dem Mittelstand schließen. Künftig soll die Plattform Unternehmenswissen nicht erst auf Nachfrage finden, sondern relevante Informationen automatisch im richtigen Moment bereitstellen.
In eigener Sache: Sind Sie bereits Mitglied im KI Circle? Der KI Circle ist ein exklusives Netzwerk für Entscheider:innen, die sich in ihrer Organisation mit der KI-Transformation beschäftigen. Wir bieten Ihnen Austausch mit Unternehmensentscheidern, direkten Zugang zu Expert:innen und exklusive Formate der Handelsblatt-Redaktion. Seien auch Sie dabei und vernetzen Sie sich. Mehr erfahren.
MitHandelsblatt Meine News können Sie unserer Berichterstattung zu den Themen folgen, die Sie am meisten interessieren.
Hier geht es zum Disrupt-Podcast, in dem Sie auch spannende KI-Themen finden werden. Weitere spannende Podcasts und Wirtschaftsnachrichten zum Anhören finden Sie hier.
Fügen Sie bitte die E-Mail-Adresse ki.briefing@redaktion.handelsblatt.com Ihrem Adressbuch oder der Liste sicherer Absender hinzu. Dadurch stellen Sie sicher, dass unsere Mail Sie auch in Zukunft erreicht.
Weitere hilfreiche Informationen zu unseren Newslettern finden Sie in unserem FAQ. Informationen zum Datenschutz finden Sie hier. Informationen zur Barrierefreiheit können Sie
hier einsehen.