Roboter für den Mittelstand | Deutschlands überraschendstes Chipprojekt in heißer Phase
Falls Sie unsere E-Mail nicht oder nur teilweise lesen können, klicken Sie bitte hier.
Montag, 08.06.2026
Lkw mit Solarmodulen: Werden Kühlung, Heizung und Hilfsaggregate mit Solarstrom betrieben, sinkt der Spritverbrauch. (Foto: IM Efficiency)
Liebe Leserinnen und Leser,
wer dieser Tage an der Zapfsäule steht, zahlt die Rechnung für einen Krieg, den er nicht begonnen hat. Kein Wunder, dass das Interesse an Elektroautos wächst – Strom ist zwar ebenfalls teurer geworden, aber längst nicht so stark wie Benzin und Diesel.
Noch robuster gegen Preisschocks als „normale“ Elektroautos wären allerdings Fahrzeuge, die einen Teil ihrer benötigten Energie selbst erzeugen. Möglich ist das durch fahrzeugintegrierte Photovoltaik: Solarzellen auf dem Dach, der Motorhaube oder den Seitenwänden von Autos, Lkw und Anhängern produzieren während der Fahrt und im Stand Strom. Wie groß das Potenzial dieser Idee ist, hat die Mitte Mai veröffentlichte Studie „Solar Moves“ im Auftrag der Europäischen Kommission untersucht.
Für das Projekt arbeiteten Forscherinnen und Forscher vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), der niederländischen Forschungsorganisation TNO und Anbietern von Solarsystemen zusammen. Sie rüsteten verschiedene Fahrzeugtypen mit Sensoren aus – vom Stadtauto bis zum Schwerlaster. Die Messdaten von 1,3 Millionen gefahrenen Kilometern kombinierten sie mit Satellitendaten und Wetterinformationen.
Weniger Ladestopps, mehr Unabhängigkeit von Energiepreisen
Das Ergebnis: Ein Pkw mit viel Dachfläche, beispielsweise ein SUV, könnte bei einer jährlichen Fahrleistung von etwa 5000 Kilometern in Mitteleuropa bis zu 55 Prozent seines Jahresenergiebedarfs selbst erzeugen. In Südeuropa sind es im Optimalfall bis zu 80 Prozent. Bei Elektro-Lkw ließe sich die tägliche Reichweite mit Solarpaneelen um bis zu 15 Prozent erhöhen.
Weniger Ladestopps und eine größere Unabhängigkeit von der Energiepreisentwicklung wären gute Verkaufsargumente für Solarautos. Doch die massentaugliche Umsetzung ist teuer und technisch anspruchsvoll. Hersteller wie Nissan oder Mercedes-Benz haben zwar Konzeptfahrzeuge vorgestellt, ein Serienmodell lässt aber auf sich warten.
Solarbetriebener Nissan Ariya: Serienproduktion des Autos mit Solarzellen in Motorhaube, Dach und Heckklappe ist nicht geplant. (Foto: Nissan)
Auf Nutzfahrzeugen kann Photovoltaik dagegen schon heute Diesel sparen – indem man die Fahrzeuge mit Solarmodulen auf dem Dach oder auf Lkw-Anhängern nachrüstet. Das ist mit relativ geringem Aufwand möglich. „Im Moment ist die erfolgversprechendste Richtung – wenn man direkt einen Return on Investment erzielen will –, die Zusatzenergieverbräuche von Nutzfahrzeugen mit Solarstrom abzudecken“, sagt Christian Braun, Forscher am Fraunhofer ISE. Der erzeugte Solarstrom kann unter anderem die Klimaanlage, die Heizung sowie Kühl- und Hydrauliksysteme versorgen, die dadurch weniger Kraftstoff benötigen.
„Finanziell lohnt sich das besonders bei Fahrzeugen, die einen erheblichen Teil ihrer Energie für Zusatzaggregate brauchen – beispielsweise bei Bussen oder Kühlanhängern für Lkw“, sagt Braun.
Dekra in Dänemark spart mit nachgerüsteten Solarmodulen
In Dänemark erprobt die Dekra Academy das Konzept bereits. Sie betreibt eine Ausbildungsflotte aus Lkw und Bussen. Die Fahrzeuge werden intensiv genutzt: häufiges Anfahren, lange Leerlaufzeiten, hohe elektrische Lasten – das führt zu überdurchschnittlichem Kraftstoffverbrauch.
Die dänische Dekra-Tochter setzt bereits einige Elektro-Lkw und -Busse ein, suchte aber auch nach einem Weg, die bestehende Dieselflotte kurzfristig effizienter zu machen. In einem Pilotprojekt hat das Unternehmen zunächst fünf Ausbildungs-Lkw mit Solarmodulen mit insgesamt 240 Watt-Peak Leistung ausgerüstet.
Nachgerüstete Dekra-Lkw: Aufgeklebte Solarmodule reduzieren den Dieselverbrauch. (Foto: DEKRA)
Sie wurden auf das Fahrzeugdach geklebt und an das elektrische System angeschlossen. Der so erzeugte Strom entlastet Motor und Lichtmaschine. Das reduziert den Dieselverbrauch und verlängert die Lebenszeit der Batterie.
Investition in Solarmodule amortisiert sich in unter zwei Jahren
Pro Fahrzeug kostete die Nachrüstung laut Dekra rund 3000 Euro inklusive Hardware, Software und Installation. Der Kraftstoffverbrauch der Fahrzeuge sank im Pilotbetrieb um rund fünf Prozent. Die Amortisationszeit schätzte das Unternehmen ursprünglich auf anderthalb bis zwei Jahre. „Aufgrund gestiegener Dieselpreise könnte sich die tatsächliche Amortisation jedoch schneller einstellen – potenziell innerhalb von etwa einem Jahr, abhängig von Fahrprofil und Kraftstoffkosten“, sagte eine Sprecherin.
Prozent
Diesel sparen die Ausbildungs-Lkw dank der nachgerüsteten Solarmodule.
Inzwischen hat Dekra 60 weitere Lkw der Ausbildungsflotte mit Solarmodulen nachgerüstet. „Mit dieser Lösung können wir unser Budget gezielt dort einsetzen, wo wir die größte Wirkung erzielen – statt einen Großteil davon für eine sehr kleine Anzahl elektrischer Lkw aufzuwenden“, erklärt Philip Steiner, Sustainability- und HSE-Manager für Nord- und Mitteleuropa beim Unternehmen, die Entscheidung.
Eine Umsetzung in Deutschland ist aktuell nicht geplant. Das liege aber nicht an Nachteilen der Technologie, heißt es. Man wolle zunächst praktische Erfahrungen aus dem Projekt in Dänemark sammeln, bevor eine Ausweitung geprüft werde.
Schneller Hebel statt perfekter Lösung
Für ein einzelnes Fahrzeug mögen fünf Prozent weniger Diesel zunächst nicht spektakulär klingen. Aber bei einer Flotte mit Dutzenden Fahrzeugen und anhaltend hohen Spritpreisen summieren sich diese Prozentpunkte schnell zu fünf- bis sechsstelligen Beträgen pro Jahr.
Dekra Academy entschied sich für eine vergleichbar kleine Solarfläche, da bei einer größeren Testanlage der produzierte Strom im Fahrschulbetrieb nicht vollständig genutzt werden konnte. Es lassen sich bei höherem Energieverbrauch aber durchaus auch größere Photovoltaikflächen installieren.
Der niederländische Anbieter von Solartechnik für Lkw, IM Efficiency, stattet Lkw-Anhänger nach eigenen Angaben in der Regel mit 5000 Watt-Peak Leistung aus. Dafür veranschlagt das Unternehmen eine Investition von etwa 9000 Euro. Diese amortisiere sich bei Diesel-Lkw derzeit innerhalb von drei bis vier Jahren.
Lieferwagen mit fahrzeugintegrierter Photovoltaik, der Teil der Solar-Moves-Studie war. (Foto: IM Efficiency)
Hinzu kommt ein Klimaeffekt: Pro nachgerüstetem Fahrzeug sinkt der CO2-Ausstoß laut IM Efficiency um rund 15 Tonnen jährlich. Perspektivisch könnte die Wirtschaftlichkeit noch deutlich besser werden: Werden Solarmodule künftig direkt in die Anhängerproduktion integriert statt nachträglich montiert, könnte die Amortisationszeit bei Diesel-Lkw auf ein bis anderthalb Jahre sinken, schätzt das Unternehmen.
Auch wenn Solarmodule auf Lkw-Dächern, Anhängern und Bussen nur ein kleiner Baustein der Energiewende im Verkehr sein können, finde ich die Idee spannend. Denn sie ist ein sofort nutzbarer Effizienzhebel. Nachgerüstete Photovoltaik kann helfen, Sprit zu sparen, den CO2-Ausstoß von Nutzfahrzeugen zu senken und ein weiteres Geschäftsfeld für Autozulieferer zu eröffnen.
Manchmal lohnt es sich, nicht auf die perfekte Lösung wie ein serienreifes Solarauto zu warten – sondern mit kleinen Maßnahmen anzufangen, die heute schon funktionieren. Oder wie sehen Sie das? Schreiben Sie mir gern.
Nächste Woche lesen Sie an dieser Stelle wieder von meiner Kollegin Nina C. Zimmermann.
Bis dahin, bleiben Sie zuversichtlich!
Herzliche Grüße,
Ihre
Julia Rieder Newsletter Redakteurin
Handelsblatt-Podcast: Meckel & Matthes
Jede Woche diskutieren
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes und die Publizistin, Unternehmerin und Professorin Miriam Meckel die wichtigsten Themen aus Wirtschaft, Technologie und Politik. Sie geben freitags ungefiltert Einblick in ihre Woche, markieren Aufreger und Hoffnungsträger und wagen den Ausblick, was kommende Woche wichtig wird. Meckel & Matthes, ein Handelsblatt-Podcast: aktuell, persönlich, meinungsstark.
Jetzt reinhören.
Sie möchten die Vielfalt unserer Audioformate kennenlernen? Zu allen Handelsblatt-Podcasts geht's hier entlang.
Mehr Qualität in Ihren Google-Suchergebnissen
Sie wollen mehr Qualität in Ihren Google-Suchergebnissen? Machen Sie das Handelsblatt bei Google zu Ihrer wichtigen Nachrichtenquelle! Details dazu finden Sie in diesem Artikel.
Warum Roboter jetzt auch für den Mittelstand interessant werden – Lange galten Industrieroboter als kompliziert und teuer. Doch günstige Cobots und KI verändern den Markt rasant. Der Mittelstand wird zur wichtigen Zielgruppe. Jetzt lesen.
Deutschlands überraschendstes Chipprojekt geht in die heiße Phase – Das Start-up Black Semiconductor hat mit dem Bau einer eigenen Fabrik in Aachen begonnen. So etwas haben hierzulande bislang nur Konzerne gewagt. Was Black Semiconductor anders macht. Jetzt lesen.
Photovoltaikanlage: Herkömmliche Silizium-Solarzellen wandeln nicht einmal ein Drittel des aufgenommenen Sonnenlichts in elektrische Energie um. (Foto: Getty Images/Westend61)
So sieht die Zukunft der Photovoltaik aus – Tandem-Solarzellen mit Perowskiten können bis zu 50 Prozent mehr Energie umwandeln. Noch aber sind sie nicht am Markt. Forschern gelang es nun, ein großes Hindernis zu überwinden. Jetzt lesen.
Polaris kündigt ersten Testflug für größeres Raumflugzeug an – Es ist ein spektakuläres Unterfangen: Polaris will ein Flugzeug bauen, das zugleich eine Rakete ist. Das könnte die komplette deutsche Raumfahrt revolutionieren. Jetzt lesen.
Deutsche Quantenfirmen wagen den Schritt auf den Markt – IQM und Terra Quantum streben Milliarden-Börsengänge an. Viele Firmen wie Planqc sammeln neues Geld ein. Damit will Deutschlands Quantenszene 2026 den Weg in die Industrie finden. Jetzt lesen.
Anzeige
Food for Thought
Nehmen Sie jetzt an unserer Umfrage teil.
Vielen Dank für das Lesen unserer heutigen Ausgabe!
Dieser Newsletter ist entstanden unter der Mitarbeit von Marc Schmidt (Produktion).
Gefällt Ihnen unser Newsletter Handelsblatt Shift? Dann empfehlen Sie ihn gerne Bekannten und Arbeitskollegen weiter. Jetzt weiterempfehlen
Fügen Sie bitte die E-Mail-Adresse shift@redaktion.handelsblatt.com Ihrem Adressbuch oder der Liste sicherer Absender hinzu. Dadurch stellen Sie sicher, dass unsere Mail Sie auch in Zukunft erreicht.
Weitere hilfreiche Informationen zu unseren Newslettern finden Sie in unserem FAQ. Informationen zum Datenschutz finden Sie hier. Informationen zur Barrierefreiheit können Sie
hier einsehen.