eine Umsatzsteigerung von 85 Prozent in einem Quartal ist eine Ansage. Eine Ansage von Jensen Huang und seinem Chipkonzern Nvidia, der gestern Abend deutscher Zeit die neuen Quartalsergebnisse vorstellte. Die Erlöse mit Chips für Rechenzentren verdoppelten sich nahezu auf 75,2 Milliarden Dollar. Huang berichtete, dass der Bau von KI-Rechenzentren mit „außerordentlicher Geschwindigkeit“ voranschreite und plant zusätzliche Aktienrückkäufe im Volumen von 80 Milliarden Dollar.
Das dürfte die Aktionäre freuen. Ebenso wie die Nachricht, dass die neuen Kennzahlen von Nvidia nochmal über den eh schon hohen Markterwartungen lagen. Und übertroffene Erwartungen sind an der Börse immer ein Grund für steigende Kurse.
Dass Nvidia als Chiphersteller vom Boom der Künstlichen Intelligenz (KI) profitiert, ist wenig verwunderlich. Überraschender hingegen ist ein anderer Profiteur des Booms, den meine Kollegin Isabelle Wermke identifiziert hat. Denn die Entwicklung rückt einen Rohstoff in den Mittelpunkt, den ein deutscher Konzern liefern kann: Kupfer. Dabei galt Aurubis aus Hamburg zuletzt als Problemkind. Denn das Unternehmen musste 2023 einen millionenschweren Betrugsskandal im Recyclinggeschäft öffentlich machen.
Doch jetzt wird das Unternehmen plötzlich interessant. Denn der Konzern betreibt einige der wichtigsten Kupferhütten Europas und zählt weltweit zu den größten Kupferrecyclern. Neue Minen benötigen oft mehr als zehn Jahre, bis sie Kupfer produzieren – Recyclingkapazitäten dagegen liefern sofort verfügbares Metall.
Das KI-Unternehmen OpenAI plant Medienberichten zufolge einen Börsengang im September. Gestern Abend berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, der Entwickler des Chatbots ChatGPT plane, in den kommenden Wochen einen vertraulichen Antrag auf eine Börsenzulassung in den USA zu stellen. OpenAI reagierte zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
Riskante Monate für Europa, auch dank Trump (Foto: Reuters, AP [M])
Das Brüsseler Zeitfenster der Reformen
Es wird ein Sommer der Entscheidung für die Europäische Union. Denn in den nächsten Monaten hat der Staatenbund eine rare Chance auf Reformen, nachdem sowohl in Polen als auch in Ungarn proeuropäische Regierungen zurück ins Amt gefunden haben. Doch das Zeitfenster könnte klein sein, denn im kommenden Jahr wird nicht nur in Polen erneut gewählt, sondern auch in Frankreich, Spanien und Italien, wo überall rechtspopulistische Parteien oder Hardliner in den Umfragen vorn liegen.
Dabei ist die Aufgabenliste für die EU lang, geradezu übermächtig. Ein Bundestagsabgeordneter, der nicht namentlich genannt werden will, sagt dazu:
Wenn wir es in zwölf Monaten nicht schaffen, in der Ukraine voranzukommen, uns von den USA zu emanzipieren und europäische Rechtspopulisten zurückzudrängen, sind wir verloren.
Wenn wichtige Reformen nicht gelingen, könnte die EU in eine Dauerkrise geraten – handlungsunfähig gegen äußere Bedrohungen und zerrissen durch innere Konflikte. Wie ein Richtungswechsel gelingen kann, zeigt sich in der Rüstungspolitik. Bei den Rüstungsausgaben ist der Abstand zu den USA zwar immer noch beträchtlich, er wird allerdings immer kleiner.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zeigte sich auf dem EU-Gipfel in Zypern im April begeistert von den europäischen Fortschritten. Die europäische Unabhängigkeit von den USA rücke zumindest in greifbarere Nähe.
Ein weiterer Punkt, bei dem die EU in dieser Woche eine Entscheidung getroffen hat, waren härtere Zollregeln für Stahlimporte. Damit sollen europäische Hersteller besonders vor günstigen Importen aus Ländern wie China oder Indien geschützt werden.
Wir wollen daher von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wissen: Macht die EU beim Protektionismus inzwischen selbst einen auf Trump? Oder brauchen wir sogar noch härtere Schutzmaßnahmen gegen China? Schicken Sie uns eine Sprachnachricht mit Ihrer Meinung bei WhatsApp an 0152 38099427. Ihre Antworten diskutiere ich in unserem exklusiven Podcast Morning Briefing Insight. Die neue Folge erscheint am Samstag.
Zum Thema europäische Aufrüstung passt, dass Deutschland und Frankreich jetzt bei einem wackligen Projekt zu einer gemeinsamen Lösung gefunden haben. Gestern Abend einigte sich die schwarz-rote Koalition nach wochenlangen Diskussionen darauf, 40 Prozent der Anteile am Panzerbauer KNDS zu übernehmen. Der deutsche Anteil soll über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren wieder auf 30 Prozent verringert werden. Wichtig für die deutsche Seele: Damit sichert sich der Bund künftig den gleichen Einfluss bei KNDS wie der französische Staat.
Nur 86 Jahre ist es her, dass deutsche Panzer über die Grenze nach Frankreich rollten und sich die beiden Länder gegenseitig als „Erbfeinde“ bezeichneten. Heute bauen Deutsche und Franzosen gemeinsam Kriegsgeräte. Möglich wurde das durch ein paneuropäisches Friedensprojekt mit Namen „Europäische Union“. Schöner wäre es da natürlich, wenn wir in einer Welt leben würden, in der beide Länder gar keine Panzer mehr bräuchten.
„Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, sagte bekanntlich einst der preußische Generalmajor Carl von Clausewitz. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass Kriegserfolge oder -misserfolge die Politik bestimmen. Diese schmerzliche Erfahrung macht in diesen Tagen US-Präsident Donald Trump im Iran. Er verfügt zwar über die unbestritten stärkste Armee der Welt, hat sich aber militärisch in eine Pattsituation zwingen lassen, in der Teheran am längeren Hebel sitzt.
Danny Citrinowicz vom israelischen Institute for National Security Studies (INSS) sagt:
Trump hat keine andere Option, als zu verhandeln.
Wenig Optionen zu haben ist in einer Verhandlungssituation immer eine schlechte Ausgangslage. Hinzu kommt, dass Trump sich bereits selbst jeglicher Glaubwürdigkeit beraubt hat, indem er schlimmste Drohungen ausgesprochen und sie dann nie wahrgemacht hat.
Lars Klingbeil (Foto: Michael Kappeler/Dpa, Getty Images [M])
Die Bürokratie, die Deutschland rettet
Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick auf einen Fehler mit ungewöhnlich positiven Konsequenzen. Deutschland muss wohl vorerst kein Defizitverfahren der EU fürchten. Und das, obwohl das Haushaltsdefizit nach aktuellen Projektionen in diesem Jahr deutlich über die vorgesehene Grenze von drei Prozent der Wirtschaftsleitung steigt.
Doch Deutschland hat es nicht geschafft, das geliehene Geld auch tatsächlich vollständig auszugeben. Das gilt insbesondere für das Sondervermögen Infrastruktur, bei dem langwierige Genehmigungsverfahren den Mittelabfluss bremsen.
Offenbar hat selbst die EU Mitleid mit einem Land, dessen Bürokratie so träge ist, dass es daran scheitert, das eigene Geld auszugeben.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem es Ihnen gelingt, so viel Geld auszugeben, wie Sie möchten.
Herzliche Grüße
Ihre Teresa Stiens Autorin Handelsblatt
15 Jahre – 15 Fakten
Die Autorinnen und Autoren, von links nach rechts: Gabor Steingart, Sven Afhüppe, Hans-Jürgen Jakobs, Christian Rickens, Teresa Stiens, Sven Prange. (Grafik: HB)
#3: Sechs Stimmen und eine Entschuldigung
Gabor Steingart ist Schöpfer und Erstautor des „Handelsblatt Morning Briefing“. Sein Abgang war so plötzlich, wie es im Mediengeschäft manchmal geht: Steingart und das Handelsblatt trennten sich 2018 unerwartet.
Senior Editor Hans-Jürgen Jakobs übernahm zunächst interimistisch und ab Mitte April 2018 dauerhaft die Ausgaben von Montag bis Donnerstag. Freitags schrieb Sven Afhüppe, damals Chefredakteur. Später kamen in der Autoren-Reihe Christian Rickens (von 2022 bis 2026), Teresa Stiens (seit Herbst 2022) und Sven Prange (seit März 2026) hinzu.
Bemerkenswert ist die Überschrift des letzten Handelsblatt Morning Briefings von Steingart, die heute noch nachklingt: „Der perfekte Mord“. An jenem 7. Februar 2018 schreibt Steingart von einem finalen Akt auf der Theaterbühne, in dem der damalige SPD-Chef Martin Schulz Außenminister Sigmar Gabriel zur Strecke bringt und an dessen Stelle im Ministerium Quartier bezieht.
Nicht wirklich neutral, etwas makaber, durchaus unterhaltsam ist der Ton – und es ist ein Abschied, der sich rückblickend wie ein Kapitelende liest. Handelsblatt-Verleger Dieter von Holtzbrinck entschuldigt sich noch am selben Tag in einem Brief bei Schulz.
Dieser Text ist Teil unserer Serie zu 15 Jahren Handelsblatt Morning Briefing.
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